Die Fenster – geistlich betrachtet

-eine Auswahl-

Engel mit Schalmei

Ein Engel!

Es geht nämlich in der Kirche (hoffentlich) immer noch um himmlische Dimensionen. So drängend der Alltag sein mag, so groß die Erfolge unseres Handelns, so bedrückend Leid und Tod ‑ in der Kirche, in diesem Kirchenraum, durch diese Fenster soll unsere Zuversicht gestärkt werden, daß unser Leben ‑ trotz allem ‑ „himmlisch“ ist. Engel – Angelos – Bote; Bote aus einer anderen Welt.

Mit einer Schalmei!

Engel mit Musikinstrumenten tauchen ja in und an Kirchen häufig auf. Die himmlische Dimension ist eben nicht Nirwana, Nichts, ewiges Vergessen. Verheißen ist ein Leben voller Musik! Musik, die mitreißt, begeistert, tanzen läßt. Und wer die Botschaft wahrnimmt, wer sich hineinnehmen läßt in diese „himmlische Dimension“, wird singen und spielen. Und danken und loben und preisen.

Ein Engel

Nicht der Engel mit der Schalmei wie im vorigen Fenster. Sondern der Engel der Verkündigung, Ein Engel mit Flügeln, denn er kommt aus einer anderen Welt. Ein Engel, ein Angelos, ein Bote von Gott her. Und er bringt eine Botschaft. Der Gruß an Maria ist als Spruchband um seinen Botenstab gewickelt und entfaltet sich zu der Jungfrau hin: Ave Maria, gratia plena ‑ Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade.

Und Maria

Gesammelt, aufmerksam, bereit ist sie mit offenem Herzen dem Boten zugewandt. Und die Taube über ihr symbolisiert den Inhalt der Botschaft: „Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ Und aus diesem Handeln Gottes wird sie ein Kind empfangen. Dieses Kind wird heilig und Sohn Gottes genannt werden.

Jungfrauengeburt

Es gibt Menschen, die meinen, die Jungfrauengeburt biologisch oder medizinisch verstehen zu müssen. Nun hat aber das Neue Testament nirgendwo die Absicht, unsere Neugier in naturwissenschaftlichen oder historischen Fragen zu befriedigen. Es spricht vielmehr vom Heilshandeln Gottes in dieser Welt und in der menschlichen Geschichte. Und da bedeutet die Botschaft des Engels: Dieses Kind, dieser Jesus von Nazareth ist nicht einer wie alle anderen, nicht nur ein Produkt der Natur oder der menschlichen Geschichte. Dieser Jesus ist außerordentlich, ganz neu, der Ursprung und das Ziel von allem (wie es die paulinischen Schriften formulieren) ‑ eine ganz neue Möglichkeit für die Menschen, von Gott neu ins Werk gesetzt ‑ neu, frisch, jungfräulich in diese Welt gekommen.

Josef und Jesus

Das Weihnachtsfoto ist abhanden gekommen. Die Szene im Stall ‑ Maria und Josef und das Jesus‑Kind ‑ ist nicht mehr aufzufinden. Umso besser! Das hier abgebildete Foto macht die Problematik der Weihnachtsdarstellung sehr viel deutlicher.

Der kleine Junge Jesus bei seinem Vater in der Werkstatt. Der Zimmermann sägt mit einer großen Säge ein Brett durch und der kleine Jesus hält das andere Ende der Säge fest, Maria ist im Hintergrund mit Spinnen beschäftigt. Ein Engel schaut um die Ecke, der im Vordergrund fiel dem Ausschnitt des Fotografen zum Opfer.

Dieses Foto macht etwas von der „Menschwerdung“ deutlich, ein Junge wie jeder andere, bei einer normalen Tätigkeit. Jesus als Zimmermann, als Automechaniker, als Computer-Fachmann; wirklich Mensch und kein überirdisches Phantom! Das, die wirkliche Menschlichkeit Jesu, ist uns in den letzten Jahrzehnten sehr wichtig gewesen; einer von uns, der weint und lacht und schläft; der unsere Empfindungen kennt und unsere Leiden trägt.

Wie ist es dabei mit dem „Sohn Gottes“? Die Versuche des Glasmalers, das ganz Andere dieses Menschen deutlich zu machen, wirken doch etwas hilflos. Der Lichtkranz um seinen Kopf, der eigenartige Blick und der stilisierte Gesichtsausdruck ‑ sind diese Darstellungsmittel überzeugend? Für den gläubigen Menschen reichen sie wohl aus; ja, er ist wirklich ganz anders, so sehr er einer von uns ist.

Für den Menschen heute ist dieses Zueinander natürlich ein Problem: das Himmlische und das Irdische, das Göttliche und das Menschliche.

Hat das Göttliche überhaupt noch eine Chance? Göttliches in unserer Welt? Ist es denn überhaupt denkbar, daß der Kollege neben mir, der Verkäufer im HiFi‑Geschäft, das junge Mädchen an der Kasse noch etwas mehr darstellen oder leben als das, was man sehen – zählen – greifen kann. Göttliches im Menschen?

Vielleicht ist das auch ein Grund für unseren Weihnachtsrummel. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes ist ein unheimliches Geheimnis. Das haben wir zum Gegenstand der Ästhetik, des Kommerz, der Familienstimmung, sentimentaler Lieder und frommer Sprüche gemacht, Wir haben dem Geheimnis das Unheimliche genommen, haben es handhabbar (man kann’s „handle“n) und verwertbar gemacht. Damit wurde es „heimelig“; allerdings verflüchtigte sich dabei das Geheimnis und übrig blieb ‑ der Rummel.

Der Schmerzensmann

„Die Soldaten führten Jesus ins Prätorium und versammelten die ganze Kohorte um ihn … sie legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn …“ So ist die Szene dieses Fensters im Matthäus‑Evangelium beschrieben.

So gönnt man sich halt ein bißchen Spaß, bevor es mit dem Delinquenten zur Hinrichtung geht! Die beiden Figuren vorne beugen ihre Knie ‑ denn der da ist ja ein König, ha, ha! Der rechts von Jesus, mit dem stechenden Blick, schwingt eine Geißel (die man auf diesem Bildausschnitt nicht erkennen kann); einer ballt die Faust, einer scheint noch mit dem Opfer diskutieren zu wollen ‑ man kann doch schließlich über alles reden!

Dieser Szene zugeordnet hat der Künstler im Hintergrund rechts die Verleugnung durch Petrus dargestellt ‑selbst die „Seinen“ denken mehr an sich als an ihn!

Dieses Bild wirkt eigenartig „still“, eine Atmosphäre, die von der Gestalt Jesu ausgeht. Was ist darin ausgedrückt?

Meint diese Würde ‑ so könnte man es auch empfinden ‑, daß Leid und Tod nicht das Letzte sind, daß Borniertheit und Dummheit und die Macht des Bösen schon überwunden sind? Strahlt hinter diesem Bild schon die Osterherrlichkeit auf, der Glanz des endgültigen Sieges? Der „Heiligenschein“ Jesu könnte darauf verweisen.

Im ersten Augenblick kam es mir allerdings eher so vor, als ob hier ein großes Unbeteiligtsein dargestellt würde und das rief Protest hervor: so harmlos sind Leid und Schmerz nicht, und so unberührt von den Machenschaften seiner Gegner ist Jesus sicher nicht gewesen. Er hat gelitten und ist durch die ganz große Finsternis gegangen.

Oft wird in bezug auf das Leiden Jesu gesagt: das kann für ihn ja nicht so furchtbar gewesen sein ‑ er wußte ja, daß er auferstehen würde. Das würde aber bedeuten, daß er gar nicht so ganz richtig Mensch gewesen ist und daß er unsere Not (nämlich das Sterbenmüssen) doch nur zum Schein oder so halbwegs getragen hat. Und das würde bedeuten, daß er uns letztlich doch nicht hilft. ‑ Diese Vorstellung ist offensichtlich weit verbreitet. Ob sie um die Jahrhundertwende in der Volksfrömmigkeit besonders gepflegt wurde und den Künstler bei seiner Gestaltung beeinflußt hat, weiß ich natürlich nicht. Daß sie falsch ist und von der Kirche schon sehr früh als Irrlehre verurteilt wurde (Doketismus), ist allerdings sicher.

Ich würde mir einen Schmerzensmann wünschen, dem ich das Leiden deutlicher ansehen und so das mit und für uns Leiden leichter abnehmen könnte.

Ostern, Wächter

Welche Chance hat man, wenn man noch an Gott glaubt und diesen Glauben auch zu leben versucht? Ist nicht vielleicht doch alles im Leben eine Frage von Geld und Macht? Ist der Glaubende nicht vielleicht ein armer Irrer in den „Realitäten“ dieser Welt?

Es ist tröstlich, dass diese Empfindungen und Überlegungen offensichtlich uralt sind. Die Frage, welche Rolle die Macht der Mächtigen spielt, begleitet z. B. die Ostererzählung im Matthäus‑Evangelium. Auf dieser Darstellung eines Fensters in der Trillser Kirche ist die Antwort ins Bild gesetzt.

Bei Matthäus sind die Mächtigen die Führer des Volkes, „die Hohenpriester und Pharisäer“. Sie haben es geschafft, Jesus zu beseitigen. Mit Hilfe der Römer haben sie ihn hinrichten lassen. Kaum aber ist er ins Grab gelegt, da werden die Mächtigen erneut tätig und gehen zu Pilatus. Das Wort beunruhigt sie: Ich werde nach drei Tagen wieder auferstehen! Da sie sich so etwas nicht vorstellen können, fürchten sie einen Anschlag der Jünger Jesu: die werden kommen, den Leichnam Jesu stehlen und behaupten, er sei auferstanden. Und das mussten sie auf alle Fälle verhindern! Sonst wäre „dieser letzte Betrug schlimmer als alles zuvor“.

Wir kennen die Mittel der „Mächtigen“: Siegel und Wache. ‑ Und dann kann nichts mehr passieren.

Sehr vorausschauend ‑ diese Mächtigen. Und sehr hilflos ‑ wie die Erzählung und dieses Bild zeigen. Erdbeben; ein Engel, der den Stein wegwälzt und sich darauf setzt; eine Gestalt, die leuchtet wie der Blitz und deren Gewand weiß ist wie Schnee. Machtvoll und herrlich strahlend vollzieht sich das Leben, das Gott weckt und ermöglicht! Wunderbar und nicht aufzuhalten ist das Handeln Gottes!

„Die Wächter begannen vor Angst zu zittern und fielen wie tot zu Boden“. Geradezu lächerlich der Versuch der „Mächtigen“, den Ablauf der Geschichte zu bestimmen.

Die Glaubenden, die auf das Handeln Gottes und seine Geschichte vertrauen, stehen in diesem Bild etwas im Hintergrund: sie drängen sich nicht nach vorne, sie spielen sich nicht auf, aber sie sind auf der richtigen Seite!

B. Staßen

Ein Gedanke zu „Die Fenster – geistlich betrachtet

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