Über das Chorprojekt „Elijas“

In der übervollen Heilig‑Geist‑Kirche wurde am 13. Februar 2005 Felix Mendelssohn-Bartholdis Oratorium „Elias“ aufgeführt (eine weitere Aufführung war am 27. Februar).

ES WAR EIN GROSSER, EIN SCHÖNER ABEND.

Wer absolute Werktreue erwartet hatte und Aufführungen oder Aufnahmen aus dem Konzertsaal im Ohr hatte, kam vielleicht nicht ganz auf seine Kosten. Aber der Musikkenner, der vor Jahren bei einer Aufführung der „Schöpfung“ von Haydn mit einem leise gemurmelten „Nein, so geht das nicht“ den Kirchenraum verließ, hätte unter den Zuhörern sicherlich keinerlei Verständnis gefunden. Zu sehr nahm das Gehörte und Gesehene gefangen.

Der größte Unterschied zu einer Konzertaufführung: Neben Instrumentalmusik und Gesang war ein großes „Spiel“ zu sehen, wodurch Mendelssohns Werk mit ganz neuem Leben, bewegtem und bewegendem Leben, unserem Leben, erfüllt wurde. Das begann schon in der ersten Szene: die Not des Volkes als Selbstfesselung, endend in einem Netz, aus dem es kein Entrinnen gab. Dann die Faszination, die durch König Ahabs Staatsmacht und Pracht beim Volk ausgelöst wurde und sich in dessen Begeisterung spiegelte. Der Chor und seine szenischen Darstellungen waren ohnehin Mittelpunkt des Stückes. Wir?

Ohne in Krittelei zu verfallen, darf auch auf einige Stärken und Schwächen hingewiesen werden. Der Chor, dem man etwas mehr Volumen gewünscht hätte, fand erst nach Anfangsschwächen zu dem schönen Klangkörper, der Mendelssohns Musik zu einem Erlebnis machte. Ihm vor allem kann man insgesamt aber eine großartige Leistung bescheinigen: ohne Noten, ohne Texte, ohne Dirigenten die oft schwierigen Partien zu singen und gleichzeitig zu „spielen“, das war schon bewundernswert. Die Gesangssolisten, unterschiedlich in ihren Möglichkeiten, hatten große Momente, aber auch schwächere Szenen. Auch hier muß gesagt werden, dass ihre Leistung angesichts fehlender gesanglicher Ausbildung nur hohe Anerkennung verdient, Die Instrumentalgruppe war an normalen Maßstäben gemessen ‑ sicherlich zu schwach besetzt, aber sie war eine zuverlässige Stütze für den Chor und spielte ihren Part sicher und einfühlsam. Stellenweise war sie verstärkt durch eine meisterhaft gespielte Harfe, eine Panflöte und eine Trompete, die vor allem dem Schlußsatz Struktur und Farbe gab.

Das Stück wurde mit viel Begeisterung aufgenommen. „Phantastische Leistung“, „das war richtig gut‘, „ich bin froh, dass ich gekommen bin“, und ‑ „da ist ganz viel herübergekommen“.

Was ist herübergekommen? Wenn ich es recht sehe, war es die historische, in wenige Szenen der Bibel „geronnene“ Auseinandersetzung zwischen Baal und Jahwe, dem Gott Israels ‑ und die Parallele zu unserer gegenwärtigen geistigen Situation, die gerade durch den Chor und die Inszenierung zum Ausdruck gebracht wurde. Ein wankelmütiges, auf die materiellen Dinge des Lebens fixiertes und von Erfolg und Macht fasziniertes Volk auf der einen Seite und dann der Prophet, der, sein Leben aufs Spiel setzend, dem Machthaber harte Vorwürfe entgegenschleudert und klagt ‑ ein eindrucksvoller Moment ‑ „ich bin allein übrig geblieben“.

Können wir uns in dieser Auseinandersetzung wiederfinden, und wo stehen wir?

Nicht vergessen werden soll ein herzliches Dankeschön an alle, die sich jahrelang gemüht haben, uns den „Elias“ nahezubringen.

‑luc­
Eine spontane Zuschrift, die uns am Tag nach der ersten Aufführung erreichte:

Welch phantastische Inszenierung, Idee und Regie!

Ich war anschließend sehr tief gerührt und glücklich, dabei gewesen zu sein! Der Abend war ein wirkliches Erlebnis!

Man bedenke, hier traten Laiensänger, Laienmusiker auf.

Einer sei hervorgehoben: Bernd Staßen, der Initiator, Organisator und künstlerische Leiter. Ein charismatisches Energiebündel mit jahrelang stoischem Durchhaltevermögen, um diesen Abend zustande zu bringen und ein Tastenlöwe! Drei Sterne auch vorab für die Requisite des Götzenaltars!

Wenngleich alle Solisten großen Mut und exzellente Gedächtnisleistung zeigten, so wurde doch schnell klar, dass die Grenzen der stimmlich‑musikalischen Fähigkeiten erreicht waren. Dies gilt auch für den Chor. Der „Elias“ ist nun mal ‑ auch für Profis ‑ ein schwerer Brocken.

Aber ‑ der Enthusiasmus, die Spiel‑, Musizier‑ und Singfreude des gesamten Ensembles steckte an und der berühmte Funke sprang schnell über auf den übervoll besuchten Kirchensaal.

Von wem auch immer die Idee einer „Bearbeitung“ des Mendelssohn’schen Oratoriums kam ‑ ein faszinierender und rundum gelungener Glückseinfall.

Ich freue mich auf die nächste Vorstellung, die noch einmal Ende Februar stattfinden wird.

Heinz Burger

 
„So wahr der Herr, der Gott Israels lebet“ …

… vor dem ich stehe, es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.“

Mit diesem biblischen „Paukenschlag“ unvermittelt, schockierend ‑, den der Prophet Elias dem Israelischen König Ahab entgegenschleudert, eröffnet Felix Mendelssohn-Bartholdy sein Oratorium für Soli, Chor und Orchester.

Machtvoll, stark, kühn, zornig, finster, kompromisslos, verzweifelt ‑ solche Eigenschaften sind es, die sich dem unvoreingenommenen Leser der „Königsbücher“ (1 Kön 17f u. 2 Kön 1,1‑2,14) aufdrängen, wenn er es sich denn anmaßen wollte, einen der kraftvollsten ‑ vielleicht auch umstrittensten Propheten des alten Testamentes zu charakterisieren, von „bewerten“ gar nicht zu reden.

Wenn man es recht bedenkt, passt das Bild dieses großartigen Gottesmannes schon seiner Kompromisslosigkeit wegen eigentlich gar nicht mehr in unsere ach so tolerante Welt. Und: Muss man nicht manchmal das Gefühl haben, dass die Leute eine Entschuldigung dafür erwarten, wenn spürbar wird, dass man noch etwas mit diesem „Herrn, dem Gott Israels“ zu tun haben möchte?

Und da gibt es doch tatsächlich eine Gruppe von Mitgliedern unserer Gemeinde die es wagt, Mendelssohns „Elias“ aufzuführen, noch dazu eine Gruppe musikalischer Laien, und noch dazu mit dem Versuch gleichzeitiger szenischer Darstellung. Das kann’s doch wohl nicht sein!!!

Nein, das kann’s nicht sein, und das soll es auch nicht sein. Ich habe noch die Klarstellung des „Chorleiters“ im Ohr: „Wir sind keine Opernsänger und kein Oratorienchor, aber wir können uns keinen Dilettantismus leisten“; und so bin ich eigentlich sicher, dass die „Sache“ auf einem guten Weg ist.

Eine kleine Zwischenbemerkung: als wir uns vor einigen Jahren in einem ähnlichen Projekt an die „Schöpfung“ von Joseph Haydn wagten (damals war ich an der „Sache!‘ mitbeteiligt), sagte einmal eine Dame zu mir: „Was ihr da macht, ist ein Verbrechen an Joseph Haydn!“ Sie hat sich die „Sache“ dann später angehört und angesehen und sagte mir danach: „Ich muss mich wohl bei euch entschuldigen. Eure Intention ist mir erst heute klar geworden.“

Im Abdruck eines Vortrags zur Elias‑Thematik von Erwin Horn (Musikhistoriker) findet sich die Aussage, dass Mendelssohn für sein Oratorium an „einen rechten durch und durch Propheten“ gedacht habe, „wie wir ihn heut‘ zu Tage wieder brauchen könnten, stark, eifrig,… , im Gegensatz zum Hofgesindel und Volksgesindel und fast zur ganzen Welt im Gegensatz, und doch getragen wie von Engelsflügeln im weiteren Verlauf des Vortrags weist Erwin Horn darauf hin, dass es für den Hörer des Oratoriums nicht leicht sei, das Bild des Biblischen Propheten „unter dem weiten Mantel von Mendelssohns Musik in seinen markanten Zügen so wiederzuerkennen, wie es die Bibel zeichnet. Ungemein viele allgemeine Texte erbaulichen Gehalts überlagern und verschleiern die Handlung …. ..

Hierzu ein (vielleicht etwas kühner?) Gedanke: Wenn es dem Komponisten denn erlaubt ist, zu Gunsten seines musikalischen Werkes auf Detailgenauigkeit des biblischen Verlaufs und biblischer Darstellung zu verzichten, sollte es denen, für die bei der „Bearbeitung des Stoffes“ zwar auch nicht Detailgenauigkeit, wohl aber die Botschaft im Vordergrund steht, ebenso erlaubt sein, aus dem Gesamtwerk das auszuwählen, was inhaltliche Aussage und Bedeutung des Biblischen Elias für uns ‑ für unsere heutige Zeit sein könnten. Wenn es denn einer Legitimation zur „Bearbeitung des Stoffes“ bedarf, könnte ich sie in den erwähnten Aussagen von Erwin Horn durchaus erkennen.

Für die, die das Elias‑Oratorium genau kennen ‑ sicher gibt es ja Leute in unserer Gemeinde auf die das zutrifft ‑wird es dann bei der „Aufführung“ diese oder jene kleine (oder große) Überraschung geben: möglich, dass die dann hier oder dort etwas nicht wiederfinden oder dieses und jenes an einer anderen Stelle entdecken.

So werden wir denn (voraussichtlich am 13. Februar nächsten Jahres) ein Arrangement erleben dürfen, das „unsere“ Vokal- und Instrumentalgruppe als hörens‑ und sehenswert herausgearbeitet hat, um das, was für uns als eigentliche Botschaft in diesem „Elias“ stecken mag, deutlich werden zu lassen.

Freuen wir uns darauf und lassen wir uns überraschen. Ich selbst bin auf jeden Fall voll gespannter Erwartung.

Hst

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