„Die Schöpfung“ – Singen und Verkündigen

Über das Chorprojekt „Die Schöpfung“ von J. Haydn 

Glaube an die Schöpfung oder Wir machen keine Aufführung

Im Januar 1992 war Marriner mit Chor und Orchester von St. Martin‑in‑the‑fields mit einer Aufführung von Haydns „Schöpfung“ in der Tonhalle in Düsseldorf. Kurz vorher hatten wir im Chor beschlossen, uns mit diesem Werk zu beschäftigen. Mit einigen Leuten waren wir deshalb im Konzert. Wir waren ‑ wen wundert’s ‑ über das Werk und die Aufführung begeistert.

Einige Tage später fiel uns erst auf, wie wir auf diese Aufführung reagiert hatten ‑ außer mit Begeisterung. Wir hatten im nachhinein (als wir nach der Aufführung noch zusammen waren) vor allem über musikalische oder sogar musik‑technische Dinge gesprochen: wie schnell der Dirigent einige Passagen angegangen war, wie gut der Chor gesungen hatte, wie schön Haydn einiges komponiert hat, z. B. die Stelle mit dem brüllenden Löwen und dem springenden Tiger usw.

Nur an einigen Punkten ging es über diesen Bereich hinaus ‑ und das offensichtlich schon während der Aufführung bei einem großen Teil des Publikums. Als Eva sang, daß sie Adam gehorchen wolle und ihr das auch noch Freude, Glück und Ruhm bringe ‑ der Sänger des Adam soll an dieser Stelle die Brauen hochgezogen haben da wurde das Publikum ausgesprochen unruhig.

Offensichtlich stand plötzlich der Inhalt, die Aussage des Stückes zur Debatte. Kann man das denn heute so noch singen?

Das war aber auch die einzige Stelle, die nach dem Inhalt des Stückes fragen ließ. Im übrigen hatte die Aufführung uns nicht dazu gebracht, über die Schöpfung, die Natur, die Welt nachzudenken ‑ oder über die Frage, ob Gott denn wirklich die Welt geschaffen hat ‑ oder wie man Glaube an Gott als den Schöpfer denn heute leben kann ‑ oder wie wir mit der Schöpfung denn umgehen sollen.

Wir erlebten das Stück als Musik ‑ als schöne Musik! Und der Inhalt, die Aussage?

Auf bohrende Fragen in den Wochen danach wurde immer wieder gesagt, die Aussage sei nicht wichtig ‑darum sei es Haydn gar nicht gegangen (warum komponiert er denn so deutlich der Sprachmelodie entsprechend?) ‑ er habe daran sowieso nicht geglaubt, denn er sei ja Freimaurer gewesen wie alle geistig führenden Leute seiner Zeit (in der Tat war er einige Zeit Mitglied einer freimaurerischen Gruppierung; aber es wird auch überliefert, daß er gebetet habe, wenn er mit dem Komponieren nicht weiter kam) ‑ und der Text von dem van Swieten sei ja auch nicht besonders gut ‑ und sowieso hätten die Komponisten damals die menschliche Stimme wie eine Instrumentenstimme verstanden und behandelt ‑ usw. usw. Von heute her betrachtet erscheinen all diese Antworten wie der Versuch, an einer Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Stückes und an der Frage, wie man das denn heute noch singen könne, vorbeizukommen. Zugegeben: Wie man mit einem Chor von 200 Leuten eine solche inhaltliche Auseinandersetzung bewerkstelligen soll, ist mir auch schleierhaft zudem wenn man damit rechnen muß, daß ein großer Prozentsatz sich als nicht gläubig bezeichnen wird.

Aber wenn man in einer kirchlichen Gemeinde sich mit Haydns „Schöpfung“ beschäftigt, dann muß m. E. diese Frage im Vordergrund stehen: Was ist ‑ in diesem Stück und im Rahmen der musikalischen Form ‑mit der Aussage über die Schöpfung? Glaube ich daran? Wo habe ich Schwierigkeiten? Und wie kann ich ein solches Stück so singen, daß Aussage, Musik und meine persönlichen Haltungen und Vorstellungen möglichst übereinstimmen? Es ist zu vermuten, daß ein solch veränderter Ansatzpunkt auch zur Folge hat, daß eine „Aufführung“ anders werden würde.

Wie schwierig die Auseinandersetzung ist, zeigte sich, als wir an einem Abend den Text besprochen haben unter dem Gesichtspunkt: „Was macht mir Schwierigkeiten?“ Außer den schon zitierten Aussagen über Mann + Frau war allem „dieses dauernde Loben und Danken“. Gott loben und danken ist im Alltag eine fast nicht vorkommende Verhaltensweise! Und dann ging das große Diskutieren los bzw. das Ringen darum, ob und wie man diese Passagen ehrlich singen könne. Bis jemand eine Stelle sang, die auch der Form nach ein ausdrückliches Gebet ist (haben Sie so etwas in der „Schöpfung“ schon entdeckt?). Chor ‑ zwei Solisten ‑Klavierbegleitung ‑ in der Kirche ‑ das war die Situation. Und dann kam „das Solo“ bzw. „das Duett“. So, daß man beim Zuhören unwillkürlich den Atem anhielt (oder ‑ je nach Eigenart ‑ glänzende Augen bekam). Zum Schluß Stille ‑ Betroffenheit ‑ das Gefühl: das war ehrlich, das war gläubig. Erst viele Wochen später sagte die „Sängerin“, daß sie kurz davor gewesen sei, in Tränen auszubrechen.

Das ist die Art, wie m. E. solche Musik in einer kirchlichen Gemeinde „gemacht“ werden muß. Das oberste Ziel ist Glaubwürdigkeit, nicht Perfektion. Natürlich heißt das nicht, daß man mit der Musik dilettantisch umgehen soll oder darf! Wenn man so ansetzt, kann man vielleicht auch vermeiden, die „Großen“ der Musikszene nachzuahmen und Kulturbetrieb auf Billig‑Niveau zu versuchen.

Zu dieser Glaubwürdigkeit gehört auch, daß man verhindern muß, daß der Zuhörer bei einem solchen Stück in eine Scheinwelt zu fliehen versucht. „Die Schöpfung“ ist schön, wir glauben alle an die Schöpfung, wir genießen die Aufführung ‑ und dann gehen wir wieder nach Hause. Aber dieses zu Hause, diese reale Welt, dieser Alltag beißt sich sehr böse mit dieser schönen Welt und der „Schöpfung“. Die Realität ist anders!

Die Realität ‑ diese oft atheistische, erfolgsorientierte, gewalttätige ‑ zu verändern, dürfte keinem gelingen. Dann muß man die Aufführung verändern! Ob das in der offiziellen Musik‑Szene möglich ist, bezweif le ich. (“ Das ist damals so geschrieben worden, das muß man so machen“ Die Verwechslung von Haydns Intentionen mit der heutigen Auf f ührungspraxis ist allerdings zumindest blauäugig!) Aber einer Kirchengemeinde ist das aufgegeben! Das heißt nicht umtexten oder umkomponieren ‑ein solcher Versuch wäre schlimm! Möglich muß aber sein, das Stück von Haydn in einen Zusammenhang, in einen Rahmen zu stellen, der deutlich macht, in welcher Welt wir leben. Und dann wird sich erweisen, daß man die „Schöpfung“ unterbewertet, wenn man sie nur zur Stimmungsmache für zwei schöne Stunden benutzt. Ich glaube, daß dieses Stück begeisternde, befreiende, heilende Impulse in diese unsere Realität einbringen kann, Impulse, die dann die Realität verändern! Wenn man den guten alten Haydn nur mal läßt!

bst

 

Das kannst Du doch nicht!

Kleinen Kindern wird mit diesem Spruch schon Neugierde, Entdeckungslust, Lernbereitschaft und Kreativität ausgetrieben. Aber nicht nur kleinen Kindern!

Da versucht jemand zu singen, was Joseph Haydn in seiner „Schöpfung“ an wunderschönen Melodien niedergeschrieben hat. Die Tonfolge ist recht eingängig, die Tonhöhe ist zwar beträchtlich, aber erreichbar, der Inhalt optimistisch, heiter und in einem guten Sinne fromm. Und dann versucht ‑ wie gesagt ‑ Birgit das zu singen, mit nicht perfekter, aber passabler Klavierbegleitung.

Was sie dabei leisten muß, ist unheimlich! Nein, nicht in bezug auf das, was der geneigte Leser jetzt meint! Die musikalisch‑technische Leistungsanforderung hält sich durchaus in Grenzen, und ich staune oft nicht schlecht, wie manche Leute ohne „Ausbildung“ schnelle 16tel-Läufe hinkriegen.

Viel schwerer ‑ und ich befürchte, es geht oft überhaupt nicht ‑ ist es, sich von dem zitierten Spruch zu befreien. Was, ohne Ausbildung? Keine Ahnung von klassischer Musik9 In keinem anerkannten Chor? Kein Kontakt zur Düsseldorfer Kulturszene? Das kannst Du doch nicht‘ Laß die Finger davon! Überlaß das den Profis!

Und es sind ja nicht nur solche Sprüche, die es schwermachen, sich selbst in dieser Musik zu probieren. Fast jeder hat den CD‑Player zu Hause, jeder hat Joseph Haydns „Schöpfung“ wenn er sich dafür interessiert und damit beschäftigt ‑ in vielfältiger Form im Ohr, im Kopf und im Bauch! Und in einer meist technisch und musikalisch fast perfekten Aufführung! Und garniert mit den Namen der Großenlder Götter der internationalen Musik‑Szene!

Und Du armes Würstchen willst Dich damit beschäftigen ‑ und nicht nur hören, sondern selber singen ‑ und nicht nur allein in der Badewanne, sondern vor anderen Leuten??? Das kannst Du doch nicht!

Und die große menschliche Leistung besteht darin, sich von diesem Hammer nicht totschlagen zu lassen! Weil die Melodien schön sind! Weil mich die Frage nach der Schöpfung umtreibt! Weit die Antwort in dem Stück (Gott danken und loben) schwer zu verstehen ist, aber bei der Auseinandersetzung immer wieder tolle neue Perspektiven aufreißt! Weil manchmal ‑ auch bei sehr geringer Perfektion ‑ beim Singen eine Atmosphäre und Einsicht entsteht: das stimmt, das ist wahr so! Manchmal auch nur, weil es einfach Spaß macht!

Natürlich ist Birgit nicht die Callas! Und sie versucht auch gar nicht, so zu tun als ob! Gott sei Dank ‑ denn man muß sich schon so viel Caruso‑, Callas‑, Carreras‑Verschnitt anhören! Und man muß sich schon so oft Leute anhören, die singen wie Italiener, auch wenn sie in Münster in Westfalen geboren sind! (Wie bitte, Sie meinen, es sei nicht wichtig, wo jemand geboren ist? Das gibt ja eben den „Verschnitt“, weil nicht mehr hörbar wird, wo der Sänger seine Herkunft, seine geistigen Wurzeln hat und wer er ist).

Und wenn ich Birgit oder Gerd oder Veronika zuhöre, dann will ich sie hören ‑ ihren Glauben an die Schöpfung ‑ ihre Zweifel und Unsicherheiten (und nicht gemachte Unsicherheiten, sondern echte ‑ gegen alle Formen von Perfektion!) ‑ ihr Zutrauen ‑ ihre Dankbarkeit ‑ und ihre Menschlichkeit als Hochdahler Leute von heute!

bst

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