Über das Chorprojekt „Franz von Assisi“

Am 11. und 13. September 1998 haben Jugendchor und Combo das Stück „Franz von Assisi“ in Heilig Geist aufgeführt. Reaktionen aus dem Publikum hinterher machten deutlich, daß manche durch das, was sie hörten und sahen, in der Tiefe ihrer Seele angerührt ‑ an einigen Stellen sogar zu Tränen gerührt waren. Nicht billiges Lob, sondern Betroffenheit und Dankbarkeit wurden laut.

Was geschieht da eigentlich, wenn die Beschäftigung mit einer Lebensgeschichte ‑ hier mit Franz von Assisi ‑ so zu einer Begegnung mit dem eigenen Leben wird? Ich glaube, daß man das nicht exakt beschreiben kann. Aber das eine oder andere läßt sich zur Deutung doch sagen.

Einmal: Da werden Menschen erkennbar. Die, die singen und spielen, stellen nicht nur ihre Stimme zur Verfügung, sie produzieren nicht irgendetwas, sie tun nicht so als ob. Sie geben sich selber zu erkennen ‑ mit ihrer Angst und Unruhe, mit Sehnsucht und Enttäuschung, mit ihrer Hoffnung und ihrem Leiden. Als Franziskus in seinem Liebeslied über die Kirche erzählt, daß er seiner Freundin noch einmal begegnet ist und erleben muß, daß sie aufgelöst ist „in Nichts ‑ in Nichts ‑ in Nichts“ ‑ da war in der Stimme, in der Lautstärke, in der Dynamik hörbar, wie das Leid und der Verlust einen Menschen tief verletzen können. ‑ Bei einer Bewertung einer Aufführung spricht man an einer solchen Stelle davon, daß die Akteure „glaubwürdig waren“.

Dann: Da wird der Mensch erkennbar, dessen Lebensgeschichte erzählt wird. Wir haben dieses Stück in Hochdahl jetzt zweimal aufgeführt, 1979 und in diesem September. Und für viele ist dadurch Franz von Assisi zu einem Menschen geworden, mit dem man vertraut ist, zu dem man in eine fast freundschaftliche Beziehung getreten ist. Und wenn „die Akteure glaubwürdig sind“, geschieht das vor allem in der unmittelbaren Begegnung während des Singens und Spielens.

Und weiter: Es werden die erkennbar, die das Stück geschrieben und komponiert haben. Daß Wilhelm Willms und Peter Janssens in

Hochdahl so beliebt sind, hat ja auch etwas damit zu tun, daß sie sich uns in Texten und Musik erfahrbar gemacht haben ‑ als Menschen, die uns etwas geben, die uns etwas verstehen lassen vom Leben.

Und das ist dann das Entscheidende: Gerade weil es nicht auf die „Performance“ ankommt, sondern auf die Glaubwürdigkeit, gerade weil die Akteure nicht irgendetwas, sondern sich selbst ins Spiel bringen ‑ deshalb ‑ und nur dann ‑ wird etwas sichtbar und hörbar von dem, was „Leben“ bedeutet. Es wird etwas erkennbar vom „Geheimnis des Lebens“, von dem, was hinter den Ereignissen steht, hinter den konkreten Einzelheiten einer Biographie oder eines Tagesablaufs, „Der Mensch ist irgendwie mehr.“ Und gerade weil heute die Fakten eine so übergewichtige Rolle spielen bis in die Kirche hinein ‑, müssen wir immer wieder etwas tun und erleben, was darüber hinausweist. Und so kann man eine Verbindung ziehen ‑ wenn man will ‑ zwischen einer solchen Aufführung des Franziskus und der Liturgie des Sonntags: Erinnerung und Verkündigung, daß es „mehr gibt als alles“.

Von daher kann man dann auch ‑ wenn man will ‑ eine neue Beschreibung ableiten, was bei „Applaus“ passiert. Die „Akteure“ sind eben nicht in erster Linie auf das Publikum hin orientiert und müssen etwas tun, damit sie ankommen. Sie sind vielmehr in erster Linie auf diese Tiefendimensionen hin orientiert, die hinter der Darstellung spürbar werden sollen. Und Applaus ist dann nicht in erste Linie die Gabe, die das Publikum den Darstellern für ihre Anstrengung erstattet ‑ Applaus ist nicht die Aussage: ihr wart gut, Applaus ist vielmehr – wenn das Ganze gelingt ‑ das Zeichen, daß Zuhörer und Zuschauer sich haben mit hineinziehen lassen in das, was hinter allem steht und was in der „Aufführung“ spürbar und hörbar wurde. Ein so verstandener Maßstab „Glaubwürdigkeit“ wäre in der Lage, die Fixierung auf Werktreue und Perfektion, wie sie in der Musikszene (bei der E‑Musik) herrschend ist, zu relativieren. Es würde der Musik, den Aufführenden und den Hörern guttun!

bst

 

Paßt das denn überhaupt noch in die Zeit ‑ dieser Mann und dieses Stück über ihn? Und mit dieser Frage ist man sofort mittendrin ‑ in diesem Stück und bei diesem Mann.

Im 1. Akt ‑ Requiem für einen reichen Jüngling ‑ steht nämlich die Frage zur Debatte, wie verbindlich der Trend der Zeit denn sei. Der „Zug der Zeit“ ‑ fort, immer fort, in einem fort ‑ ist ein Leichenzug, und wer leben will, muß aus diesem Zug aussteigen, wie der Jüngling von Naim, der aufgeweckt wird, aussteigt und den Zug ohne ihn weiterziehen läßt (ohne daß die Teilnehmer des Leichenzuges es merken). Natürlich ist einer, der aussteigt, ein Irrer und alle wissen, daß er stürzt und fällt. Wer kann schon glauben, daß man übers Wasser gehen kann? Aber der Jüngling von Naim, Franz von Assisi, lebt und schwebt ‑ ausgestiegen, abgesprungen, abgefallen (wie sie sagen).

Und dann die Sache mit der Kirche! Wissen nicht alle, was von dieser Institution zu halten ist? Im 2. Akt singt Franz vor dem Papst ein Liebeslied ‑ unverständlich für die Prälaten und Kardinäle. Er singt von seiner Liebe zu dieser Kirche, zu einem schönen, unberührten, einfachen Mädchen vom Land. Und er erzählt, wie dieses Mädchen in die Stadt geht und bald auf großem Fuß lebt, mit reichen Männern, in Saus und Braus.

Er erzählt von der Kirche, die am Reichtum zugrunde zu gehen droht. Und er singt von seinem Leid, von seinem Kummer, weil er seine Freundin nicht mehr gefunden hat. Und als er sie dann doch endlich findet, ist sie aufgelöst in Nichts, in Nichts, in Nichts … Und Franz weint zusammen mit dem Papst über das Mädchen, über die Braut, über die Mutter, über die Kirche ‑ „und wer weiß, wie ihre Tränen gewirkt haben …“

Und dann die Sache mit der Gewalt! Wissen nicht alle, daß man sich wehren muß, wenn man nicht den kürzeren ziehen will? Im 3. Akt erzählt ein Bewohner von Gubbio, wie er mit dem Wolf, der ihn angegriffen hat, fertig geworden ist: er hat ihm die Kehle zugedrückt ‑“da ist die Bestie ausgerückt“. Überlegen muß man sein! Es ist schon eine eigenartige Vorstellung, wenn Franz meint, anders reagieren zu sollen und zu können. Einen Wolf auffordern, Pfötchen zu geben? Eine verfeindete Horde auffordern, „ja“ zueinander zu sagen? Es ist eine Utopie, an die Hochzeit des Lammes mit dem Wolf zu glauben! Ein Traum: Wolf und Lamm, Arm in Arm ‑ „und wir, die ganze Schar vor dem Traualtar, Hochzeit des Lamms!“.

Und dann die Sache mit dem Leid, mit den heiligen fünf Wunden! Leid sollte man doch vermeiden ‑ durch Unempfindlichkeit, durch Verdrängung, durch Gegenwehr! Im 4. Akt werden „die fünf Wunden der Welt“ zu den fünf Wunden des Franz: Einsamkeit und noch mal Einsamkeit, Heimatlosigkeit, Sinnlosigkeit, Gottverlassenheit. Und diese Wunden der Weit werden nicht verbunden. „Sie glühen und blühen in unsrer Zeit ‑ sie sprengen die böse Zeit.“

Und Franz ist ausgespannt ‑ wie der am Kreuz ‑ zwischen Himmel und Erde. „Wie die Hirschkuh brüllt am Flußlauf, der kein Wasser hat, so brüllt meine Seele, mein Leib nach dir.“ Und seine Füße tun weh, wundgelaufen auf den Straßen der Weit, den Umgehungsstraßen, den Straßen, die über alle Ziele hinausschießen. Und er hängt in der Luft, fest ‑ ein Fest zwischen Himmel und Erde ‑ aufs Kreuz gelegt ‑ festgenagelt an den Himmel …

Natürlich paßt dieses Stück und dieser Franz von Assisi nicht in die Zeit! Unzeitgemäß wie jeder, der das „Evangelium ausprobieren“ will!

bst

 

Ein herzliches Dankeschön!

Eine gewisse Spannung ‑ ja, aber keine ganz große Erwartung wie vor einem unbekannten Neuen: So waren meine Gefühle vor der Aufführung des „Franz von Assisi“ im September. Hatte ich doch bereits vor vielen Jahre eine überzeugende Gestaltung des Stückes miterlebt, von der einige Höhepunkte immer noch präsent waren.

In bin dankbar, daß ich meine Sorge, enttäuscht zu werden, beiseite geschoben habe und wieder hingegangen bin. Es war mitreißend schön.

Ich kann nicht einmal sagen, woran es lag. Im Gegenteil: Die Texte von Wilhelm Willms hatten sich für mich formal ein wenig abgenutzt. Das Wort neu zu entdecken, indem es aufgelöst, neu zusammengesetzt und in andere Sinnzusammenhänge gestellt wird, ist eine ihm eigene dichterische Methode, die ‑ so massiv eingesetzt ‑ leicht an Wirkung verliert (so war es bei mir jedenfalls). Und Melodien, Harmonien und Rhythmus der Musik Peter Janssens waren dank häufigen Hörens so gewohnt, daß zumindest der Effekt des Neuen ausblieb.

War es also nur die Stimmung, in die man sich vom fühl‑ und tastbaren Zusammenklang von Aufführenden und Publikum versetzen ließ? Ja auch, aber allein das war es ganz sicher nicht.

Für mich waren es die Aussagen des Stückes, die durch Regie und musikalische Gestaltung viel intensiver in den Vordergrund traten als ich es aus der früheren Aufführung in Erinnerung ‑hatte. Und so erlebte ich am eindrucksvollsten die Partien, die auch heute noch von bedrängender Aktualität sind.

Etwa das „Liebeslied“, das Franziskus in einer großen, eindrucksvollen Szene vor Papst Innozenz dem Dritten singt.

Ich hatte eine freundin

ein schönes unberührtes

einfaches mädchen vom land …

ich hab sie geliebt …

und eines tages

ging meine freundin meine braut

in die stadt …

sie hatte es satt das einfache leben …

sie kam zu geld . .. mit reichen männern …

sie kleidete sich in samt und seide …

sie wohnt in einem großen protzigen haus

in der bank de spirito santo …

sie hat das lieben verlernt …

sie heißt ecclesia kirche …

Der Papst versteht. Und dann weinen sie zusammen, Papst und Bettler.

Eine Szene, die sehr bewegend war, vor allem vor dem Hintergrund, daß auch heute die Sehnsucht nach einer ganz anderen Kirche in uns lebt, der einfachen „Freundin, Braut, Mutter“.

Oder die Szene, wie Franziskus den Wolf von Gubbio zähmt. Den Wolf, der in der Stadt „mitten unter uns“ wohnt. Jeder hat vor jedem Angst, weil jeder jeden bedroht. Die Angst ist mörderisch. Man spürt es förmlich, wie unter den Bürgern von Gubbio, die sich gegenüber Franziskus zusammenrotten, das Mißtrauen lebt. Sind sie ein Bild der Gesellschaft von heute, in der Individualismus, Egoismus auf Kosten des Gemeinsinnes zunehmen? Kann man es dem Franziskus glauben, wenn er den Wolf zum Lamm bekehrt? ‑ Der Chor hat hier eine Meisterleistung vollbracht; er ist, auch im Zusammenspiel mit Solisten und Combo, mit den hohen Ansprüchen an Präzision, Tempo und sprachlich‑rnusikalische Aussage glänzend fertig geworden.

Ich will es hierbei belassen. Für die Gesamtleistung gab es zum Schluß minutenlangen begeisterten Beifall, und dann kam noch mit das Schönste: der Sonnengesang des Franziskus als Wechselgesang von Chor und Gemeinde: „Sei gelobt mein Herr mit allen deinen Geschöpfen“.

Einen herzlichen Dank an alle Beteiligten. Daß bei der zweiten Aufführung der Textautor Wilhelm Willms trotz seiner krankheitsbedingten Behinderung zugegen war und bekannte, es sei die schönste Aufführung gewesen, die er erlebt habe, gab diesem Abend eine besondere Note.

luc

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