Projektchor „Jesus Christ Superstar“

Jesus Christ Superstar: Probenarbeit aus persönlicher Sicht

Aus Frust wächst Freude

Seit genau einem Jahr proben wir an „Jesus Christ Superstar“. ich erinnere mich genau an die erste Probe: Hosanna, Hey sana. Fürchterlich, dachte ich. Das wirst Du nie singen können. Entweder ist die Stimmlage zu hoch oder zu tief. Auswendig singen? Spielen? Mir wurde ganz mulmig. Und schon in dieser ersten Probe sollte ich mir Gedanken machen über das Stück, über meine Motivation: Warum möchte ich mitsingen? Wie ist der Jesus in dieser Hosanna‑Szene dargestellt? Ich bemühte mich. Im Plenum stellte ich dann fest, daß die anderen viel mehr wissen, daß sie weitergehende Entwicklungen der Handlung mit berücksichtigen. Ähnliche Erfahrungen machte ich bei der Auseinandersetzung um den Inhalt immer wieder. Das Stück studieren, Szenen mit dem Film vergleichen, Schlüsse für unsere eigene Aufführung ziehen. Ich fühlte mich heillos überfordert.

Und dann die oft chaotische Probenarbeit. Staßen hämmert auf dem Klavier. Ich wusele mich durch das unleserliche Notenmaterial. Mir kommt der englische Text nicht über die Lippen. Ich sehne mich zurück nach meinem Trierer Bachchor. Nach wohlgeordneten Proben Oberstimmen, Gesamtchor. Einer steht vorne und sagt, wo’s langgeht. Da wußte ich immer Bescheid. Diese Haltung steht mir im Weg. Ich spüre es selbst. Doch irgendwann beginnt mir auch diese neue Art der Erarbeitung eines Werkes Freude zu machen. Ich wachse langsam hinein. Kleingruppenarbeit bereichert die Sicht und fordert die eigene Stellungnahme. Beim Wochenende in Rinsecke macht mir die Interpretation von Gedichten große Freude; auch das Herantasten an jede Szene, in der Krüppel, Blinde und Lahme Jesus überfallen. Die Auseinandersetzung mit der Figur des Judas erschüttert mich. Ich hatte bis dahin bei Webber/Rice den gleichen Judas gesehen, den ich aus „Mirjam“ von Luise Rinser kannte: einen politischen Revolutionär, der sein Land vom Joch der Römer befreien will. Wie schwierig es ist, diese Figur zu erfassen, zeiqt sich in vielen weiteren Proben.

Allmählich spüre ich, daß ich mich loslösen kann von meinem perfekten Anspruch an disziplinierte Probenarbeit. Daß es viel bereichender ist, in immer neuen Ansätzen über die Personen im Stück nachzudenken, als Leistung nachzuweisen und Nummern abzuhaken. Ich beginne mich für die Zeit zu interessieren, in der Jesus gelebt hat.

Stelle fest, daß meine Kenntnisse über das Judentum mager sind. Ich lese ‑ wie „verordnet“ das Theißen‑Buch: „Der Schatten des Galiläers“.

Ich vertiefe mich in Heinz Zahrnt und lese „Jesus aus Nazareth“.

Beim Chornachmittag im Franziskushaus wird deutlich, was entstehen kann, wenn alle Beteiligten bereit sind, auf Vorgefertigtes zu verzichten und sich gemeinsam auf den Weg machen. In der Szene mit „Simon Zelotes“, wo die Masse Jesus bedrängt, ereignet sich im spontanen Spiel eine solche Dichte, daß ich mich selbst bedrängt fühle. Spiele ich? Bin ich in dem Augenblick das, was ich spiele? Die Grenzen verwischten sich.

Über unsere Jesusbilder und den in der Bibel dargestellten Jesus hatten wir an diesem Nachmittag in kleinen Gruppen gesprochen. Es waren sehr persönliche Gespräche möglich. Sie blieben im kleinen Kreis gut aufgehoben ‑ und von der Atmosphäre war dennoch unausgesprochen im Raum etwas spürbar. Schwierig zu erzählen.

Eine Gruppe von Chormitgliedern stellte ein Konzept für eine szenische Darstellung in der Heilig-Geist‑Kirche vor. Eine interessante Diskussionsgrundlage.

Die Beschäftigung mit dem Stück ist auf vielfältige Weise bereichernd. Ich hab begonnen, meine zwiespältigen Gefühle über Bord zu werfen. Ist es so frustrierend, wenn man nicht immer stur nach Noten singen muß? Ist es nicht viel kreativer, sich die Melodie, den Rhythmus und den Text selbst zusammenzusuchen? Das erfordert immer wieder neue Auseinandersetzungen mit dem Stück und mit sich selbst.

msp

 

Jesus Christ Superstar – Leute wie heute

Solo‑Probe für Jesus Christ Superstar. Wir proben zu zweit die Rolle des Caiaphas, und zwar die Stelle, wo im Hohen Rat die Entscheidung fällt: This Jesus must die ‑ der Jesus muß sterben! (Die Szene endet mit diesem Beschluß.)

Wie kommt es zu diesem Beschluß? Dazu muß man sich den Text zu Gemüte führen. Textinterpretation. Wie sehen Tim Rice und Lloyd Webber (Texter und Komponist von „Jesus Christ Superstar“) die Rollen von Hohem Rat, Caiaphas, Jesus usw.? Übrigens ist diese trocken‑harte Arbeit dem Gesamt‑Chor immer wieder sehr schwer gefallen. So leicht ersetzt man das Verständnis des Textes durch eigene Phantasien!

Und dieser Cajaphas, was ist das für ein Typ? Übertrieben höflich, devot fast, wird er von den anderen Mitgliedern des Hohen Rates empfangen: „Good Caiaphas, the council waits for you – Lieber Caiaphas, der Rat erwartet dich.“ Sofort nimmt er die Sache in die Hand ‑ „ihr wißt, warum wir hier sind ‑ wir haben nicht viel Zeit und ein ernstes Problem“. Ein Problem! Der Verantwortliche für das Schicksal des Volkes! Wenn Jesus von seinen Anhängern zum König gekrönt wird, werden die Römer eingreifen. Und Caiaphas sieht schlimme Dinge kommen, Blut und Zerstörung, die Vernichtung des Volkes ‑ because of one man ‑ wegen eines Mannes. Und das darf nicht geschehen ‑ wie Johannes der Täufer vor ihm, so muß dieser Mann sterben.

Diese Deutung des Stückes schließt sich eng an die biblische Interpretation an. „Es ist besser, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht“, sagt Caiaphas im Johannes‑Evangelium (Joh 11,47‑53).

Caiaphas ist zwar 2000 Jahre tot ‑ aber der Typ ist sehr gegenwärtig. Solche Führungsfiguren mit hochentwickeltem Verantwortungsbewußtsein gibt’s in Kirchenkreisen aller Jahrhunderte so gut wie bei den politischen Heilsbringern der Gegenwart: Das Volk ist in Not, und wir sind berufen, es zu retten. Und auch die Gefährdung des Caiaphas ist allgegenwärtig: die eigenen

Vorstellungen mit der Wahrheit zu verwechseln, sie notfalls mit Gewalt durchzusetzen und dabei seinerseits Blut und Zerstörung zu verursachen ‑ natürlich alles aus besten Absichten heraus! Und der einzige kleine Irrtum aller Caiaphasse aller Jahrhunderte besteht darin, sich selbst mit dem Herrn der Geschichte zu verwechseln.

Und das war und ist letztlich der Grund, weshalb Jesus, der bedingungslos für den wahren Herrn der Geschichte eintrat, sterben mußte und immer wieder muß!

Wer diese Rolle singen soll, muß etwas von der Eigenart des Caiaphas in sich haben: Kümmert es Dich, macht es Dir vielleicht Sorgen, was in Deiner Umgebung geschieht? In unserer Gesellschaft, in der Stadt Erkrath, in Deiner Familie? Regt es Dich auf, wie sie unkontrolliert hinter irgendwelchen Scharlatanen herlaufen, auf jeden Trend abfahren, jede Mode mitmachen? ‑ Gehörst Du zu denen, die nicht alles einfach laufen lassen? ‑ Fühlst Du Dich verantwortlich, vor Gott verantwortlich, für das, was aus den Menschen (unserer Gemeinde) wird? ‑ Da muß man doch eingreifen, entscheiden, handeln, Weichen stellen, Fakten setzen!! ‑ Fühlst Du die Gefahr, nicht mehr hören zu können, die feinen Veränderungen zu übersehen? Neigst Du dazu, Dich am Ende nur noch durchzusetzen ‑ natürlich aus bester Absicht?

Das eigentliche Interesse an dem „Stück“ ist nicht die Aufführung, Erfolg und Groß‑raus‑kommen. Das Interessante ist der Weg dahin, das Erarbeiten, die wachsende Erkenntnis. Und selbst wenn eine Aufführung „daneben geht“, wird man feststellen können, wie viel Verständnis die Akteure entwickelt haben für die damals (Jesus, Pilatus, Caiaphas, Maria Magdalena. . .), für uns heute und für sich selbst.

bst

 

Das „Gelaber“ begann, mir was zu bringen,…

Seit Oktober oder November 1989 nehme ich an den Proben des Chores für das Stück „Jesus Christ Superstar“ teil. Meine Informationen über den Chor bestanden aus 2 Sätzen: „Der Herr Staßen hat das super im Griff“ und “ . . . die haben eine tolle Aufführung mit dem Stück ‚Ave Eva‘ hingelegt!“

Da meine Erfahrungen mit dem Singen im Chor sich auf sporadische Treffen im Freundes‑ oder Kollegenkreis zu besonderen Anlässen beschränkten, hatte ich das Bild eines Dirigenten im Kopf, der den Chormitgliedern genau sagt, wo’s langgeht.

Bei einem telefonischen Vorgespräch erfuhr ich, daß das Stück „JCS“ erarbeitet werden sollte. Das war mit unbekannt ‑ ich wollte es mir anhören und ausprobieren, die Hauptsache war für mich das Singen.

Am ersten Probenabend wurde meine 1. Vorinformation gleich über den Haufen geworfen ‑ ich hatte den Eindruck eines sehr individuellen „Haufens“, der durchaus Mitspracherecht hatte bei der Gestaltung des Singens.

Im Verlauf der weiteren Proben stellte sich dann mehr als einmal bei mir der Frust ein, es wurde für meinen Geschmack einfach zu wenig gesungen! Statt dessen: Texterarbeitung bzw. Textinterpretation. Ich hielt durch, wahrscheinlich, weil mir die Passagen aus JCS, die gesungen wurden, so gut gefielen. Ich glaube, das war auch der Grund, warum ich anfing, mich mehr für das Stück zu interessieren, mich mehr darauf einzulassen. Das „Gelaber“ begann mir was zu bringen, und ich lernte nach und nach einige Chormitglieder durch das Meinungsaustauschen ein wenig kennen. Das führte zu größerem Wohlbefinden in der Gruppe und dies wiederum zu mehr Bereitschaft, mich um der Sache willen zu öffnen, mich mehr berühren zu lassen. Das ist geschehen, und so ist ganz allmählich meine etwas brachliegende religiöse Seite wieder mehr ins Bewußtsein gedrungen. Froh bin ich auch über die Veränderung meines Jesusbildes: während er vorher für mich unnahbar, übermenschlich war, ist er mir jetzt viel näher, erscheint er mir viel menschlicher.

Seit wir in der Kirche auch gleichzeitig versuchen zu spielen, was wir singen, hatte ich einige Aha-Erlebnisse, die die Realität dessen betreffen, was damals geschah. Einen „lepper“ (Aussätzigen) spielen oder sich vorzustellen, einer zu sein, ist ein riesiger Unterschied ‑ bei letzterem fehlt das Erleben des Gefühls, armselig, „behindert“ zu sein und der Gier, von Jesus geheilt zu werden.

Überhaupt die Gefühle: sie spielen bei der Chorarbeit eine wichtige Rolle ‑ leider habe ich oft Angst, Hemmungen und Unsicherheit gespürt. Doch in letzter Zeit habe ich mich wesentlich wohler gefühlt. Durch das Spielen der Szenen kann ich mich eindenken, einfühlen und einbringen. Ich bin einfach eher ein Apostel, wenn ich am Altar stehe und mit den anderen Aposteln das Abendmahl feiere, als irgendwo zu sitzen und die betreffende Stelle nur zu singen.

Herrn Staßen gilt meine Hochachtung: der ruhende Pol in um ihn tosenden Stürmen. Zwar hatte ich auch manchmal den Eindruck, daß ihn das zeitweilige Chaos betroffen hat, doch er blieb seiner Auffassung treu, daß das Wichtigste das gemeinsame Erarbeiten des Stückes ist. Ein Glück ‑der schwerere Weg hat sich für mich auf jeden Fall jetzt schon „gelohnt“.

Birgit Riegelmann

 

Jesus und der Tempel

Mittwochabend. Probe in der Kirche. Wir versuchen die einzelnen Szenen aus Jesus Christ Superstar (JCS) in Bewegung, ins Spiel umzusetzen. Heute geht’s um den Tempel. Jesus räumt den Tempel ab. Auch während dieser Probe taucht die Frage auf, die wir uns schon oft im Zusammenhang mit der Szene gestellt haben: Was würde er uns heute abräumen? Waren es damals die Händler, das Geld, die Aktion, oder war es die religiöse Haltung, die Heuchelei, das Nichtverstehenwollen? Und heute? Als wir zusammentragen, was uns so einfällt vom Vatikan über das Hungertuch, die Jugendmesse, die Kommunionfeiern, die Fronleichnamsfahnen bis zum Kerzenkult, da gibt es immer wieder Zustimmung und auch ein Ja, aber? Ja, aber ‑ ist die Jugendmesse nur Spektakel, man kann doch nicht allen, die da hinkommen, nur Sensationslust unterstellen. Was würde er uns heute abräumen?

Wir einigen uns auf Jugendmesse, Fahnen, Kerzenkult. Probieren es aus. Spielen einfach mal. Schmücken den Tempel mit allem, was uns in die Finger fällt. Um im Eifer des Spiels, der neuen Ideen, die sich im Tun ergeben, habe ich schon längst die eigentliche Frage vergessen. Kollektenkörbchen, na klar. Noch ein paar Groschen rein, an den Bankreihen damit vorbei, zurück zum Altar, auf der Stufe Geld zählend, während Rainer, in seiner Rolle als Jesus, näherkommt. Das wirkt gut.

Und dann wird mir das Körbchen aus der Hand gerissen, ich werde geschubst, falle fast die Stufe hinunter. Mein erster Gedanke: „He, nicht so heftig, ist doch nur ein Spiel.“ Doch während Rainer schreit „Get out“ (Verschwindet!) stehe ich da mit leeren Händen, abgeräumt.

Was er uns heute abräumen würde?

Wahrscheinlich auch das Stück, JCS, an den Stellen, an denen unsere Haltung nicht stimmt, wo unser Spiel zum Selbstzweck wird, wo wir versuchen, eine Show draus zu machen.

Ute Dick

 

Eindrücke und Gedanken einer stillen Teilnehmerin

Sonntag, 26. Mai ’91 ‑ die erste Aufführung von „JCS“ nach zwei Jahren Probenarbeit stand bevor! Gespannt war ich, denn seit vielen Jahren schon war mir klar: „Jesus Christ“ ‑ das ist ein tolles Stück. Es zeigt Jesus von einer ganz anderen Seite ‑ als lachenden, liebenden und leidenden Menschen. Auch der tragische Konflikt des Judas wird verständlicher … Viele meiner traditionell geprägten Vorstellungen vom Leben und Sterben Jesu hatte dieses Stück schon verändert ‑ und nun war es den Hochdahlern endlich gelungen, die Aufführungsrechte für „JCS“ zu bekommen und es mit eigenem Leben zu füllen.

Der Beginn ‑ leise und unspektakulär ‑ ohne irgendeine Ankündigung ‑ und trotzdem waren alle (Akteure wie Zuhörer) vom ersten Augenblick an voll da. Und dann die Ouvertüre ‑altvertraute Musik! In dichter Folge und musikalisch brillant gespielt deutete sie schon alle Themen an: die Zerissenheit des Judas, Begeisterung der Menge, die Ängste des Hohen Rates, der Verrat und die Auseinandersetzung Jesu mit Pilatus … bis sie sich öffnete hin zum alles überstrahlenden Leitthema: „Jesus Christ Superstar“.

Schön dann die erste Szene, die ein Bild freien und dennoch geborgenen Miteinanders bietet. Ein Miteinander, das allerdings unberührt ‑ aber auch unbeeinträchtigt! ‑ bleibt von den Anfragen, die Judas als schmerzlich ferner Außenseiter Jesus und seinen Anhängern entgegenschleudert … Gelassen und heiter scharen sich Männer und Frauen um Jesus; einige hören ihm zu, sprechen mit ihm, fragen etwas; er fragt zurück ‑ andere essen und scherzen miteinander

Kann dies ein Bild echten Miteinanders sein, wie es auch für uns in der Kirche wünschenswert wäre oder trügt der äußere Schein? Hat Judas recht, wenn er diesem Trüppchen vorwirft, sie hätten „too much heaven on their minds“; sie schwebten ohne wirkliche Grundlage in höheren Gefilden und würden deshalb schnell „umkippen“ und auf die Nase fallen?

Sichtbar wird diese Spannung zwischen heiterer Sorglosigkeit und drohender Gefahr schon wieder in der übernächsten Szene: Die Freundesschar um Jesus überläßt sich ‑vertrauensvoll und nah aneinandergerückt ‑ nächtlicher Ruhe. Da weht ein Hauch von Eiseskälte vorüber in Gestalt der Priester und Schriftgelehrten, die bei ihrer Versammlung den Tod Jesu beschließen. Einmal muß ich es ja erwähnen; die Ideen zur Inszenierung und die darstellerische Überzeugungskraft aller Mitspieler und Mitspielerinnen haben mich immer wieder überrascht, fasziniert und begeistert. Eine tolle Leistung für Amateure ‑ das heißt „Liebhaber“ ‑ Liebhaber von „JCS“‚ So folgt dicht Szene auf Szene mit einer Fülle von Ereignissen, eine packender als die andere. Was mich bei der Premiere am meisten berührt hat: die Tempelreinigungsszene.

Der leere Altar

Symbol für Christus selbst in aller Größe und Einfachheit. Symbol für Gottes Gegenwart in unserer Mitte. Nirgendwo deutlicher wie angesichts dieses leeren Altars ‑ diesem „leeren“ Raum schien mir Gottes Nähe. Seine Gegenwart unter uns real aufzuleuchten. Das „Spiel“ überstieg alle Grenzen und wurde Wirklichkeit. Und Jesus vor diesem Altar. Alles hatte er hinweggefegt! Alles, was uns vermeintlich oder manchmal auch wirklich hilft, Gottes Nähe zu erfahren. Ich habe mich richtig erschreckt, als ich erkannte, daß auch die Sandheider Krippe dieser unerbittlichen „Säuberung‘ zum Opfer fiel. Verletzend und irritierend! Aber genau das ist wohl im Tempel damals auch passiert … Alles hatte er weggefegt ‑ und nun stand er da, erschöpft und traurig, und rückte etwas hilflos, aber unendlich zärtlich ‑ diese Mitte ins rechte Licht.

Das Stück fängt an zu „leben“. Ich muß gestehen, ich gehöre auch zu dem Kreis von Leuten, die „nicht genug bekommen konnten“. Die sich nicht einmal „JC“ ansahen, sondern mehrmals dabei waren ‑ so oft sie nur konnten. Gott sei Dank! Denn nur so konnte ich erfahren, wie das Stück für mich anfing, lebendig zu werden.

Rainer Strotmann wächst in seine Rolle als Jesus hinein. Er lebt und singt mehr und mehr aus der Hoffnung und in den Spannungen des Mannes aus Nazareth. Klarer tritt er bei den letzten Aufführungen auf ‑ klarer und mit mehr Standfestigkeit. Da ist nicht mehr der wie gehetzt wirkende, seiner Sache unsichere Jesus, sondern der, der sich berühren und verletzen läßt, aber sich auch klar absetzt und einsetzt ‑ für die Menschen, für Gott. Diese Entwicklung wirkt sich sowohl auf seine liebevoll‑schlichte Art aus vom Reich Gottes zu erzählen, ja, es aufleuchten zu lassen in seinem Gesicht, seinen Gesten und seiner Stimme, als auch auf seine Auseinandersetzungen mit Judas (die schärfer werden) und auf seine Art, sich zu distanzieren von allen Menschen ‑ auch von den Freunden! ‑, die seinen Weg nicht verstehen und ihn schließlich in den Tod schicken.

Auch in der Auseinandersetzung mit sich selbst und mit dem, der in unfaßbarer Nähe und Größe ihm in der Leere der Nacht von Gethsemane gegenübersteht, hat er sich „freigespielt“. Freigespielt, insofern seine (Rainers!) Frage immer als die stärkste durchkam:

Why? Why should I die?

Gebrochene Wirklichkeiten. In der gerade erwähnten wie auch in vielen anderen Szenen des Stückes wurde mir schmerzlich bewußt: Wir leben in einer mehrfach gebrochenen Wirklichkeit. Nichts läuft gerade, glatt und einfach! In JC wird das an vielen Stellen deutlich, wie der Chor beim instudieren feststellen mußte: „Immer wieder kippt’s!“

In fast allen Szenen, in allen Beziehungen, ja selbst in jedem einzelnen verkehrt sich ein einmal eingeschlagener Weg in eine Sackgasse oder in einen Irrweg:

Die Heiterkeit und Begeisterung, die im „Hosanna“ aller Freunde und Anhänger Jesu so schön sich äußerte, sie schlägt um ‑ zunächst in Forderungen, dann in Enttäuschung, Haß und Gier, was sich im „Kreuzige ihn!“ entlädt.

Die berechtigten Hoffnungen und Sehnsüchte der Kranken und Armen „kippen um“ in Forderungen, die Jesus zu verschlingen drohen.

Judas ‑ ein leidenschaftlicher Bewunderer Jesu, seine „rechte Hand1 ‑ versteht seinen Weg nicht mehr und verläßt, ja verrät ihn deshalb. Und auch diese Tat seiner aus Enttäuschungen entsprungenen Verachtung kippt wieder um in die erschütternde Erkenntnis: I don’t know how to love him. I don’t know, why he moves me“, an die sich die verzweifelt-bange Frage anschließt: „Does he love me too? Does he care for me?“ ‑ Eine solche Zerreißprobe kann kein Mensch überleben.

Diese Spannungen, die die Spieler so überzeugend ‑ stellvertretend für uns alle ‑ durchleben, haben ihr Pendant auch unter uns Zuschauern. Wer hat das nicht schon erlebt ‑ Brüche in seiner Lebensgeschichte, Krankheit und schlimmes Leid, zerbrochene Beziehungen, Schuldigwerden?

Da ist dann das „Could we start again, please?“ so zutiefst tröstlich. Tröstlich, weil ich glaube, daß wir einen Neuanfang machen können ‑ unbeschwert neu anfangen ‑ in dem vollen Bewußtsein, daß wir Geschehenes nicht rückgängig machen können, es end‑gültig ist,

Danke ‑ zum guten Schluß

Das Ende des Stückes ‑ eine in phantastischer Spannung und Zartheit ausklingende Musik nachdem es „vollbracht‘ ist. Da hinein die leise Geste der still brennenden Osterkerze ‑ unsere Hoffnung auf einen Neubeginn durch Gott. Stille, lange wohltuende Stille.

Bis einer es wagt, seiner Betroffenheit im Beifall Luft zu machen und so einen lang anhaltenden Applaus auslöst, der mir wie ein großer Dank für das Erlebte erscheint: Danke an die Sänger und Sängerinnen, danke an die Musiker und Musikerin.

Ja, nicht nur die „stillen Teilhaber“ am Geschehen, auch die „Aktiven“ fallen schließlich in den großen Applaus ein, als jemand den „Chef der Compagnie“ etwas aus dem Abseits in die Mitte zieht, um allen Dank der ganzen Gruppe für das Erlebte und Erfahrene in einen riesigen Rosenstrauß zu legen. Danke für ein Stück Lebens und Glaubensgeschichte, das uns, das mich einige Schritte weiter auf dem Weg eines“ Lebens in Fülle“ führte.

P.S. Zeitweise versuchte der Chor ja , einen Namen für sich zu finden und probierte es mit „JCS-Company“. Wenn auch einigen diese Bezeichnung nicht ganz geheuer war, trifft sie doch im Kern etwas sehr Wahres; denn zu einer „Company“ gehören (vom Wortursprung her) diejenigen, die „ihr Brot miteinander teilen“ ‑und war/ist „Jesus Christ Superstar“ nicht so etwas wie Brot ‑Brot, von dem man leben kann?

Christa Neumann

 

Mich hat die Rolle des Volkes in „Jesus Christ Superstar“ beschäftigt.

Hosianna ‑ Kreuzige ihn: Beides ist Ausdruck der Sorge, auf der „richtigen“ Seite zu stehen, am Ende nicht falsch zu liegen. Und da trotz des Todes Jesu immerhin Zweifel bleiben ‑ zum Schluß die Frage:

Jesus Christ, Superstar, sag, wer du bist, für den sie dich halten, ist das wahr?

Versteh mich nicht falsch, es interessiert mich nur so.

Das verrät vor allem eines: Distanz. Das Volk ist Beobachter, nicht Beteiligter. Glaube reduziert sich auf das Wissenwollen. Wissenwollen, damit man sicher ist, auf den Sieger gesetzt zu haben.

Erkennen wir uns wieder?

Wir sind interessiert und häufig engagiert auf der Suche nach der Wahrheit. Die theologische Bildung der bewußten Christen ist wahrscheinlich größer als je zuvor in der Geschichte der Kirche. Auch für Fernstehende ist die Frage nach Gott und nach Jesus Christus oft mehr als eine intellektuelle Spielerei.

Aber sind wir allesamt der Antwort näher gekommen? Oder wird unser Christentum dadurch für uns und für andere überzeugender? Verfallen wir nicht vielmehr dem (durch unsere Erziehung geförderten) verhängnisvollen Irrtum, Glauben mit „Fest‑für‑wahr-Halten“ gleichzusetzen? Degradieren wir Gott damit nicht allzu leicht zum „Gegenstand“ unserer Überlegungen ‑ und zwar allzu oft in der angstvollen Sorge, unser Glaube könne doch nicht falsch sein …

Wo Glauben doch viel mehr bedeutet: über den intellektuellen Prozeß hinaus die persönliche Distanz zu Jesus Christus zu überwinden, indem wir uns auf ihn, auf Gott einlassen.
luc

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