Reformationstag 31.10.2008

War’s ein Zufall? Jedenfalls ist es mir zugefallen! Der „ASPEKTE-Redaktion“ hatte ich versprochen, einen Artikel um Reformationsfest zu schreiben. Angeregt dazu hatte mich der Artikel meines evangelischen Freundes Lutz Martini im letzten „Gemeindegruß“ derevangelischen Hochdahler Gemeinde über das katholische Fronleichnamsfest. Nachdem ich den Artikel zugesagt hatte, kamen mir Bedenken. Es fiel mir schwer, meine Gedanken zu ordnen.Ob ich da etwas Vernünftiges zustande bringen könnte? Ich schobdie Arbeit vor mir her. Bis heute. Beim Frühstück finde ich in der Tageszeitung das Interview mit Kardinal Kasper, demPräsidenten des „Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen“, amSchluss des Interviews etwas, was ich mit meiner Lebens- und Glaubenserfahrunggern unterschreibe. Der Knoten war geplatzt. „2017 werden die Protestanten des Beginns der Reformation vor 500 Jahrengedenken. Die Vorbereitungen dazu sind in vollem Gang.“ Kasper: „Ich bin gespannt, wie sich der Protestantismusbei diesem Jubiläum präsentieren wird. Eine  Rückbesinnung auf den Glaubendes Reformators Martin Luther kannman dem Protestantismus nur wünschen. Es wäre  schlimm, wenn darausam Ende ein neuer Konfessionalismuswürde.“ „Das Reformationsjubiläum solltenicht nur für die evangelische Kirche ein Anlass sein, sich auf ihre Wurzelnzu besinnen …“ Kasper: „… auch für uns Katholiken könnte es eine Gelegenheitsein, Luther besser kennen zu lernen und ihn nicht nur von seinenpolemischen Schriften zu verstehen …
Man sollte vor allem seine großen und reichen Schriftkommentare lesen und anseine glaubensstarken geistlichen Lieder
erinnern, die sich ja auch zum Teil in unseren katholischen Gesangbüchernfinden. Dann entdeckt man einen
Luther voller Glaubenskraft …, der uns in vielem provoziert und fremdist, von dem aber auch
Katholiken viel lernen können …Wir sollten uns also gemeinsam fragen: Was bedeutet die Reformation heute für uns? Wo haben wir gemeinsameSchuld zu bekennen? Wo stehen wir heute gemeinsam als katholische und evangelische Christen? Wir sollten uns auf unseregemeinsame Herkunft und auf unsere gemeinsame Verantwortung für die Zukunft besinnen …“ Soweit ausdem Interview. Ich erinnere mich selbst gerne anden Reformationstag 1995. Die evangelische Hochdahler Gemeinde hattemich eingeladen, darüber zu sprechen, was dieser Gedenktag für mich als katholischen Pfarrer bedeutet. Alserstes kam mir damals die Spaltung inden Sinn und mit der Spaltung Tränenund Blut, Blut, das im Eifer (in falschemEifer!) vergossen wurde, immer wieder.Etwas, was der Reformatornicht gewollt hatte. Er wollte eine Reform, eine Erneuerung, eine Veränderung von damals unmöglichen Zuständen, wieschon einige vor ihm, Franz von Assisi etwa, die ganze Armutsbewegung des Mittelalters,und wie viele nach ihm.Und immer wieder löste der Versuch einer Reform auch Spaltung aus, bisheute: nach dem 2. Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren die Bewegungder Traditionalisten, die sich durch die Reformbeschlüsse des Konzils verunsichertfühlten. Solche Spaltungen stecken unserer Kirchenleitung noch tief inden Knochen – ob sich auch daraus so manche Rückwärtsentwicklung heute erklären lässt? – hatte das Konzil inTeilen doch nachgeholt, was Martin Luther in der Kirche des 16. Jahrhunderts gefordert und für einen Teil der Kirche damals durchgesetzt hat … Luther erlebte, dass die Kirchenleitung seinen Reformwillen nicht ernstnahm und zur Häresie erklärte. Hätte die Leitung der Kirche damals seine Kritikan den Missständen aufgenommen, wäre es nicht zur Trennung gekommen.Dass Luther nicht klein beigab, rechne ich ihm hoch an – auch wenn der Preis,den die Christenheit für diese Standfestigkeit zahlen musste, hoch war.Dieser sympathische, unruhige Geist des Reformators hatte die Hoffnung,dass allein das Ernstnehmen des Evangeliums genüge, eine Reform in Gangzu setzen und für alle Zeit lebendig zu halten (eine Hoffnung, die auch wir nichtaufgeben dürfen!). Damals war das eine Illusion – in beiden Kirchenteilen. Der Stachel, den Martin Luther gesetzt hat, steckt und muss bleiben:der Stachel einer evangeliumsgemäßensynodalen Struktur der Gemeinden, der Stachel einer Gleichwertigkeit allerGetauften, der Stachel gelebter Freiheit der Christenmenschen, der Stachel,allein dem Evangelium verpflichtet zu sein. In allen Teilen der einen Kirche.Das letzte Konzil hat diesen Stachel
wahrgenommen – und doch ist vieles danach wieder auf der Strecke geblieben.Ich bin zutiefst davon überzeugt: er musstiefer getrieben werden, zur Gesundung aller Konfessionen in der einen Kirche Jesu Christi. Und darum ist es  notwendig,uns der Reformation Luthers am 31.Oktober zu erinnern, damit wir nicht stehen bleiben und das Wort von einer derdauernden Erneuerung bedürftigen Kirche in die Wirklichkeit umsetzen, fragendund gemeinsam suchend.
Ich bin froh, im Land der Reformation zu leben und schon früh mitbekommen zu haben, dass die Kirche Jesu Christi mehr ist als eine Konfession. Ich bin dankbar für all die persönlichen Begegnungen mit evangelischen Christen, schon in meiner Kinder- und Jugendzeit zuhause (der Sohn des dortigen evangelischen Pfarrers war einer meiner engen Freunde), aber dannauch in Hochdahl seit vielen Jahren selbstverständlich: gemeinsame Gottesdienstfeiern, gegenseitige Gastfreundschaft
beim Benutzen von Kirchen und Gemeinderäumen, Ökumenisches Bildungswerk, gemeinsame Feste, das Haus der Kirchen und dort das wöchentliche „Marktgebet“ im Raum der Stille, die ökumenische Hospizbewegung (Franziskus-Hospiz e.V.), die jährlichen ökumenischen Spaß-Angebote in den Sommerferien, wirkliche Freundschaften untereinander. Das alles sind Hoffnungszeichen, dass wir lebendig sind, Christen unterschiedlicher Farbe, in dem einen Volk, das unterwegs ist in das Land der Verheißung, im gegenseitigen Respekt.

Gerd Verhoeven

 

Der Reformationstag erinnert an den 31.10.1517, an dem der Augustinermönch Martin Luther 95 Thesen zur Diskussion um Ablass und Buße verbreitet hat, um damit eine Erneuerung der damaligen Kirche inGang zu setzen. Kurfürst Georg II. von Sachsen ordnete 1667 den 31.10. als Gedenktag an. Der Reformationstag erinnert heute nicht nur an einen einseitigen
Ablösungsprozess, sondern an das Misslingen eines Kommunikationsprozesses,der anders hätte ausgehen müssen.

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