Wenn der Glaube zu klingen beginnt …

… oder: Gott muss einfach musikalisch sein!

Als 10-Jährige stieg ich früher zur Orgelempore in der Trillser Kirche hoch, lauschte Herrn Schippmanns Orgelspiel und genoss die Klarheit und Ruhe der Trillser Kirche während der Frühmesse (!). „Herr, deine Güte reicht so weit so weit so weit die Himmel gehen…“ war damals – und ist bis heute – eines meiner Lieblingslieder.
Fünf Jahre später hörte ich, dass Herr Staßen einen Jugendchor ins Leben gerufen hatte. In der Baracke hinter dem Trillser Kindergarten fanden damals die Proben statt. „O happy Day“ war eines der ersten Lieder, die ich mitsang. Ich habe heute noch „Watsons“ (Josef Wassens) sonore Bassstimme im Ohr, der den Solopart übernahm, während wir voller Elan im Chor mitswingten. (Bis wir den richtigen Swing- und Gospel-Rhythmus drauf hatten…, das hat Staßen sicher einige Nerven gekostet!). Die sogenannte „Jazz-Messe“ von „Choral Brother Ogo“ (Oskar Gottlieb Blarr) und schließlich die „Traummesse“ von Peter Janssens waren die ersten kompletten Messen, die wir im Gottesdienst sangen, unterstützt von einer kleinen Band mit Schlagzeug, Gitarren und E-Piano. – Eine neue Atmosphäre in der Kirche – nicht minder anziehend für mich: Realer, nicht so fromm, laut, aufregend; es wurde geklatscht, schmissige Rhythmen und begeisternde Lieder wirkten belebend auf den Gottesdienst. Und wir waren mit ganzem Herzen dabei! Voller Sehnsucht und Power waren die Lieder, die die alte Botschaft in neuem Gewand überbrachten: „Wir haben einen Traum, der macht nicht blind, wir sehen. – Jesus, der Menschensohn, kam nicht, sich bedienen zu lassen. – Was wir bieten, sind wir selbst. Du bietest an, frei zu werden mit Dir.“ – Gesungene Gebete stiegen zum Himmel auf.
Im Winter 73/74 muss es gewesen sein, dass wir im Jugendchor AVE EVA kennen lernten. Wir waren begeistert von diesem Stück und fassten den Mut, uns an so ein großes Projekt, ein „Sacro-Pop-Musical“, heranzuwagen. Im Laufe der Erarbeitung des Stückes – Woche um Woche, Monat um Monat – fiel uns auf: Mit der Geschichte der Maria „aus Nazareth, Dorfstraße 13″ waren zentrale Lebensthemen angesprochen, die auch unsere Themen waren! Da ging es um die Erfahrung einer großen Liebe, um Unverständnis und Ablehnung, um Flucht und Heimat finden bei Geistesverwandten, um Leben und Tod; um Leben, das am seidenen Faden hängt, das durch üble Lieblosigkeit gefährdet ist und geschützt werden muss… Und immer wieder die aufleuchtende Zusage Gottes: ER wird uns Leben schenken – auch wenn wir schon ganz müde und hoffnungslos sind. ER wird uns Seinen Geist eingeben, der uns zusammenhält, der uns stärkt und in Bewegung bringt. ER wird uns ein Fest bereiten – wenn wir auf IHN hören. Immer wieder dieser Hinweis auf IHN, Jesus Christus. „Er, der Mann, das Brot, der Wein, oh die Blume, oh der Duft liegt in der Luft.
Atmet ihn ein, tief, und ihr werdet leben.“ Der in Sprache gefasste Glaube von Wilhelm Willms und die Musik von Piet Janssens gehen eine wundervolle Einheit ein, die zu Herzen geht. Wir entdecken eigene Lebenserfahrungen und die Verheißungen, die in diesen aktualisierten biblischen Erzählungen stecken und setzen sie szenisch so um, dass sie verstanden werden. Die tiefe Verbundenheit mit Gott, die in diesem Kunstwerk lebendig ist, wird durch das Hören und Mitsingen auch in der versammelten Gemeinde gegenwärtig. Gesang und Rhythmus erfüllen den ganzen Raum. „Der Himmel geht über allen auf …“ Unser Leben wird ein Fest. Es ist mehr als ein Konzert, ein Musical, eine Aufführung – es ist Gottesdienst – eine Feier, bei der Himmel und Erde in Berührung kommen. Das ist und war dann auch bei den folgenden Projekten nicht anders, die ich „nur“ noch als teilnehmende Zuhörerin miterlebte: Franz von Assisi, Jesus – einer von uns, Jesus Christ Superstar – selbst in den klassischen Musikstücken „Die Schöpfung“ und „Elias“ gelang es den Chören unter Staßens Leitung, die biblische Botschaft – in bewegenden Bildern überzeugend vermittelt – in mir, in uns neu lebendig und für unser Leben fruchtbar werden zu lassen. So wuchs unser Glaube in kritischer Auseinandersetzung mit uns selbst und den Zeichen der Zeit.
Auf der anderen Seite entwickelte sich auch in den Gottesdiensten durch die beständige Einübung von alten und neuen geistlichen Liedern eine hohe musikalische Dichte und Qualität. Dank Staßens musikalischer Begabung und Verhoevens Offenheit für neue Ausdrucksformen in der Liturgie sowie ihrer beider Fähigkeit, Menschen in der Gemeinde zu ermutigen, ihre Talente einzubringen und zu entfalten, hat sich eine sehr bunte lebendige Kultur des liturgischen Gesangs entwickelt: Die Taizé-Gesänge in Jugendmessen, an den Kar- und Ostertagen und zur Firmung gibt es genauso wie wunderschöne moderne geistliche Lieder, die die Capella Nova einführte.
Die Sammlung aus dem Jugendliederbuch von sehnsuchtsvoll-ruhigen bis fröhlich-peppigen Gesängen steht neben „klassischen“ Gotteslob-Liedern, die zu festlichen Gelegenheiten wie Weihnachten oder Ostern vom Trillser Kirchenchor St.Cäcilia beeindruckend mehrstimmig ergänzt werden. Die Organistinnen sowie viele andere Musiker bilden mit ihrem oft stimmigen, mitreißenden Spiel die Grundlage für den Gesang. Und auch hier wieder: Die Musik, der Gesang wird zum Medium der Verkündigung des Evangeliums.
Ich denke u.a. an die Familien-Gemeindemessen, in denen es eine Freude ist mitzuerleben, mit welchem Spaß Kinder und Erwachsene ihren Glauben singend zum Ausdruck bringen. So manche Liedzeile ging selbst sogenannten Fernstehenden, die ihren Kindern zuliebe an den Messfeiern teilnahmen, nicht mehr aus dem Kopf, sondern berührte sie noch Wochen und Monate nach der Erstkommunionfeier: „Im Schauen auf Dein Antlitz – da werden wir verwandelt in Dein Bild“ oder: „Es heißt, dass einer mit mir geht, der´s Leben kennt, der mich versteht“. So wird die christliche Botschaft von Gottes treuer Begleitung über den Gesang in Ohren und Herzen gepflanzt.
Was wird nun, wenn diese „Animateure“ (d.h. Seelenbeweger) des geistlichen Liedes nicht mehr die Gemeinde- und Gottesdienstleitung innehaben? Wie lässt sich diese gewachsene Kultur des gläubigen Gesangs erhalten und weiterentwickeln?
Organistinnen und Organisten könnten die Sensibilität und Dynamik des Gemeinde-Gesangs fördern, indem sie vertraute Gesänge einsetzen und neue durch Vorsingen regelmäßig einüben. Besonders Taizé-Gesänge und Kanones sollten immer wieder mehrstimmig eingesungen werden! Es ist wichtig, die Gemeinde zu befähigen und zu ermutigen, diese tragenden Gesänge selbst zu entfalten. Chöre haben da nur eine unterstützende Funktion.
Musikalisch begabte Gemeindemitglieder könnten (weil ja nicht alle Organisten sich so firm im Singen fühlen) zu Kantorinnen werden im Sinne von Anleitern des gemeindlichen Gesangs.
Die regelmäßige Chorarbeit – für Gottesdienste wie für andere Projekte – kann für die Beteiligten zu einer intensiven Beschäftigung mit dem christlichen Glauben werden, die fruchtbar wird (für sie selbst wie für die Gemeinde) in der Realisierung der geistlichen Werke. Welch einen Schatz von Erlebnissen eine solche Chorarbeit (im Stil von Pfr. Staßen) in sich birgt, habe ich oben zu beschreiben versucht. Eine solche Art der Auseinandersetzung mit Glauben und Leben kann m.E. allerdings nur mit einer guten inspirierenden Leitung gelingen. Auch hier hoffe ich auf die bekannten wie noch unbekannten Charismen von Menschen in dieser Gemeinde. Wenn jede und jeder in der Hochdahler Franziskus-Gemeinde sich in diesem Sinne für eine Weiterentwicklung des gläubigen Gesangs einsetzt, dann, ja dann …
noch ein paar Zeilen von einem Gewährsmann für meine Behauptung „Gott muss einfach musikalisch sein!“…
Christa Neumann

abwarten
froh und hoffnungsvoll
abwarten
nicht so resigniert
es wird schon einer kommen
der uns einlädt zum großen fest
einlädt zum großen glück
(w. willms in AVE EVA)

… SO GEGEN 21.30 UHR
Der liebe Gott zum Beispiel
Ich weiß nicht ob Sie das wissen
Soll übrigens ein hervorragender
Akkordeonspieler sein
In seiner Freizeit

Setzt sich der alte Herr vor seinen Himmel
Und spielt einige Musette-Walzer
Und wenn man so gegen 21.30 Uhr
Mal ganz still ist
Und hinaufhorcht
Dann hört man´s
Nicht jeden Abend
Um Gottes Willen
Aber wenn dann klingt´s nie laut oder derb
Sondern immer ganz hell und ganz leicht
So gegen 21.30 Uhr –
Hanns Dieter Hüsch
(in: Das Schwere leicht gesagt)

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