Familie heute – ein alter Hut?

Das unten geschilderte kleine Erlebnis in der TrilIser Kirche löste eine lebhafte Diskussion in der Redaktion der Aspekte aus. Es ging um die Familie, um Aufgaben und Möglichkeiten der Familie heute, um gesellschaftliche Veränderungen, um gewandelte Vorstellungen, um Nöte und Hoffnungen. Ein paar Überlegungen mit unterschiedlichem Schwerpunkt haben wir im folgenden zusammengetragen.
Dienstag morgen, Schulmesse für die Grundschule Hochdahl‑West in der St. Franziskus‑Kirche.

Hinterher, als nach dem Gottesdienst alle Kinder schon wieder draußen sind, registriere ich von vorne aus, daß im Windfang noch ein Junge sein Gebetbuch zurückstellt. Und als ich auf dem Weg in die Sakristei bin, schallt’s von hinten laut durch die Kirche: „Wiedersehen, Herr Staßen!“

Ich bin so überrascht über den kräftig‑fröhlichen Abschiedsgruß ‑ obendrein mit Namen! ‑, daß ich zurückgehe um zu sehen, wer das denn war. Von hinten kann ich ihn noch erkennen, als er gerade durch die Türe geht. Und meine Reaktion: „Ach so, der war das!“ Und im nächsten Augenblick: „Ja, klar!“

Und dann hängen sich Überlegungen an dieses kleine Erlebnis. „Ja, klar!“ ‑ das heißt: bei der Familie, aus der der Junge stammt, ist nicht verwunderlich, daß er mich kennt und daß er sich in der Kirche zu Hause fühlt. Er ist halt von klein an geprägt! Es ist wohl doch die Familie, die die eigentlichen Prägungen vermittelt, die die entscheidende Erziehungsarbeit leistet (so oder so).

Und dann kam die Frage (und der Ärger stieg in mir hoch): warum lassen wir uns eigentlich immer wieder weismachen, nicht die Familie sei entscheidend, sondern „die Gesellschaft“ ‑ die öffentliche Meinung, die Medien, die Schule als Vertreter der „Gesellschaft«. Keiner wird behaupten, die „Umwelteinflüsse“ seien unwichtig, die bei der Erziehung auf Kinder und Jugendliche einwirken; aber warum dieses mangelnde Selbstbewußtsein der Eltern, wenn es um dieRolle und Bedeutung der Familie geht? Die Familie soll eine überholte Institution sein? Offensichtlich nur dann, wenn man die Aufgaben und Möglichkeiten dieser Institution verkümmern läßt aus Angst oder Bequemlichkeit oder eingeredeten Zweifeln.

Und die „Gesellschaft“ sei die eigentlich prägende Kraft? Die öffentlich feststellbaren Mangelerscheinungen von „gesellschaftlich“ Geprägten und Erzogenen sollten uns da eigentlich etwas skeptisch werden lassen ‑ und das nicht nur (oder vielleicht nicht einmal in erster Linie) im Osten Deutschlands.

B. Staßen

 

Bildung und Erziehung stehen nicht erst heute im Kreuzfeuer der Kritik. Zwar werden die mit der Erziehung zusammenhängenden Probleme in der öffentlichen Diskussion durch weltweite Umwälzungen überschattet, aber sie werden uns immer mehr beschäftigen.

Wir haben es zwar alle miterlebt, mitgemacht, aber kaum voll zur Kenntnis genommen: In der Bundesrepublik hat sich seit knapp 30 Jahren ein beispielloser Werte‑ und Mentalitätswandel vollzogen. Nach einer Untersuchung von EMNID sind die Pflicht‑ und Akzeptanzwerte ab‑ und Selbstentfaltungswerte aufgebaut worden. Besonders deutlich wird dies am Wandel der elterlichen Erziehungswerte nachgewiesen. „Gehorsam“ und „Unterordnung“ sind im Erziehungskonzept westdeutscher Eltern nahezu bedeutungslos, „Selbständigkeit“ und „freier Wille“ dagegen vorherrschend geworden. Ein verbindliches Wertesystem wurde durch mißverstandenen Liberalismus, übertriebenes Selbstverwirklichungs‑ und Genußstreben aufgeweicht. Und von diesem Prozeß ist auch die Schule nicht verschont geblieben, auch wenn hier andere Argumentationsstränge zu berücksichtigen wären.

Hinzu kommt das allgemein veränderte Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Immer mehr Frauen gestalten ‑ sei es dauerhaft oder auf Zeit ‑ ihr Leben jenseits der traditionellen Familienstrukturen. Das abgewertete „Heimchen am Herd“ wird immer mehr durch die karriereorientierte Frau verdrängt, die oft zwar nicht auf den Partner, wohl aber auf das Kind verzichten will oder kann, oder auch umgekehrt. Und auch von innen her scheint die Familie als Lebensform fragwürdiger geworden zu sein. Das ergibt sich aus der steigenden Tendenz der Ehescheidungen: Auf jede dritte jährlich geschlossene Ehe kommt heute eine Scheidung. Und so ist auch der Begriff „alleinstehend“ gesellschaftsfähig geworden.
Und die „christliche Familie“, von der heute fast schon nur noch verschämt gesprochen wird? Sie wird es ‑ angesichts veränderter Rahmenbedingungen ‑ immer schwerer haben, als Leitbild zu bestehen. Die Wiedervereinigung ist nicht Ursache, doch hat sie den schleichenden Prozeß der Entchristlichung in aller Schärfe sichtbar werden lassen. Zwar war zu erwarten, daß es nach dem Fall der Mauer mehr Protestanten als Katholiken geben würde, aber Deutschland ist nicht „protestantischer, sondern heidnischer“ geworden (Martin Lohmann). Denn die Zahl der Konfessionslosen ist seitdem sprunghaft angestiegen, und zwar im ganzen Land, nimmt man die Austrittszahlen als Kriterium.

Die angesprochenen Veränderungen zusammengenommen erlauben folgenden Schluß: Ein verbindliches Wertesystem, wie es in der Vergangenheit von Familie und Schule weitergegeben wurde, scheint sich mehr und mehr zu verflüchtigen und durch allgemeine“ Spielregeln“ ersetzt zu werden. Diesen Prozeß zu erkennen heißt für uns Christen, auf dem noch unsicheren Weg unserer Gesellschaft in die Zukunft auch unsere „Wegmarken“ sichtbar zu machen.

H. Marwald

 

Wieviel Liebe braucht der Mensch? Was braucht ein Kind, damit es ein eigenständig denkender und handelnder Mensch werden kann? Um angstfrei die Weit mit offenen Augen zu entdecken und zu gestalten?

Unendlich viel Liebe braucht der Mensch. Das Kind braucht Geborgenheit. Wärme. Streichelnde Hände. Sicherheit und immer wieder Ermunterung, sich auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln, gute und auch schlechte. Kinder brauchen Mütter und Väter, die fragen und antworten und sich nicht als Besserwisser aufspielen. Kinder brauchen Menschen, die zuhören, die ihre Erlebnisse wichtig nehmen und ihre Bedürfnisse erkennen. Ein Kind braucht Schutz.

Es braucht Menschen, die seine Neugier wecken, die Phantasie beflügeln, die seine Begabungen entdecken und seine Fähigkeiten fördern. Kinder brauchen Trost in ihren kleinen Kümmernissen, Geduld, Mitgefühl, Vertrauen, Zärtlichkeit … Ein Kind braucht Menschen in seiner nächsten Umgebung, die selbst Liebe erfahren haben und wissen, daß ohne immer neue Zuwendung kein glückliches Leben gelingen kann.

Und was erleben Kinder häufig? Eltern, die keine Zeit haben. Väter und Mütter, die Streß und Frust aus dem Berufsalltag mit nach Hause bringen. Ein Hin und Her ‑ von zu Hause zur Kinderfrau, zur Oma. Erwachsene, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Gleichgültige Reaktionen, Abweisung. Kinder werden weggeschickt oder vor den Fernseher gesetzt. Kinder erleben streitende Eltern. Kinder werden geschlagen und mißbraucht. Sie haben Angst vor dem Vater und können sich der Mutter doch nicht anvertrauen. Eltern benutzen Kinder, um sich mit ihnen zu schmücken. Sie putzen sie wie Modepuppen nach dem neuesten Trend heraus. Stopfen ihre Zimmer mit Spielzeug bis unter die Decke voll und quälen ihre Kinder mit ratlos machendem Überfluß. Kinder erleben, wie ihre Gefühle mißachtet werden: „Du brauchst nicht zu weinen. Du mußt keine Angst haben.“ Eltern sind unfähig, Lebensziele zu vermitteln, weil sie außer materiellem Wohlstand vielleicht keine Perspektive haben.

Jeder braucht unendlich viel Liebe ‑ rückhaltlos, bedingungslos. Wie oft stelle ich fest, daß ich Menschen, die mir wichtig und nah sind, verletze, sie klein mache. Wenn ich Mutter wäre, würde ich sicherlich auch zuweilen die Nerven verlieren und mein Kind verletzen ‑ manchmal sogar im guten Glauben, das Richtige getan zu haben. Ich glaube, gerade Kinder brauchen viel mehr Liebe, als die beste Mutter oder der beste Vater überhaupt schenken kann.

Als Erwachsene wissen wir, daß es ein Leben lang Anstrengung kostet, die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten auszuhalten. Darum glaube ich, daß es von wirklich lebensnotwendiger Bedeutung ist, als Kind unendlich viel an Zuwendung und Anerkennung geschenkt zu bekommen. Ein solches Polster macht zuversichtlich und gibt Stärke. Es kann gar nicht dick genug sein.

M. Spanier

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