Erfahrungen mit dem Sonntagsgottesdienst

„Die Messe ist zu einem Teil der Woche geworden, der genauso dazu gehört wie das tägliche Essen, nur daß sie wahrscheinlich mit weniger Freude ausgeführt wird. Die Menschen sitzen nebeneinander, kennen sich höchstens durch Zufall und gehen genauso wieder nach Hause. Sie sprechen jedesmal die gleichen Gebete, hören die gleiche Musik und fühlen sich auf die gleiche Weise nicht wohl …
Wie ich mir die Messe vorstelle? Sie soll ein Fest sein, ein immer wieder von neuem aufrührendes Erlebnis: etwas Gemeinsames . . . “

So schrieb eine fünfzehnjährige Hochdahlerin.

Sind ihre Eindrücke von unserer Gottesdienstfeier als jugendlich‑vorschnelles Urteil abzuqualifizieren? Oder werden hier Mängel registriert, die den Erwachsenen, die sich in ihrer Kirche, ihrer Gemeinde häuslich eingerichtet haben, schon gar nicht mehr auffallen? Was ist Gottesdienst für uns und wie soll er aussehen?

Fragen dieser und ähnlicher Art standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung des Ökumenischen Bildungswerks Hochdahl im Oktober dieses Jahres mit dem provozierenden Thema „Gottesdienst ‑ eine institutionalisierte Belanglosigkeit?“. Knapp 40 Teilnehmer beider Konfessionen waren gekommen.

Herr Pfarrer Schwabe gab zunächst eine Einführung in die Theologie des Gottesdienstes: Gottesdienst ist nicht nur Dienst vor Gott, sondern vor allem Dienst Gottes am Menschen. In den beiden Schwerpunkten Predigt und Mahl vollzieht sich das erlösende Wort Gottes. Sein Auftrag und seine Verheißung werden wieder lebendig. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen sollten jedoch die persönlichen Erfahrungen mit dem Sonntagsgottesdienst stehen. Hier gab es wesentliche Übereinstimmungen, z. B. bei der Frage, was uns dazu führt, regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen. Hier die häufigsten Antworten:

‑Der Zuspruch der Vergebung gibt mir die Sicherheit, daß jemand da ist, der mich so nimmt, wie ich bin.
‑Im Gottesdienst werden Wertmaßstäbe gesetzt oder in Erinnerung gebracht, die für mein Leben und unser Zusammenleben wichtig sind.
‑Im Gottesdienst wird eine andere Seite meines Menschseins angesprochen.
‑Ich fühle mich Gott näher.

Vor allem aber stand das Gemeinsame der Gottesdienstfeier im Vordergrund: Für viele oft als beglückendes Erlebnis, für andere, vor allem auch Jugendliche, eher als nicht verwirklichtes Ideal.

Läßt sich hieraus festhalten, daß uns wesentlich persönliche Bedürfnisse zum Gottesdienstbesuch bestimmten und nicht so sehr formale Gründe wie das Gebot der Sonntagsheiligung oder sonstige „Zwänge“? Äußerungen der anwesenden Jugendlichen ließen zum Teil erkennen, daß sie sich oft wenn nicht gezwungen, so doch gedrängt fühlen, sonntags zur Kirche zu gehen.

Von vielen kamen aber auch kritische Anmerkungen:

‑Der Gottesdienst ist in seinen Formen zu sehr erstarrt, er gibt keinen Raum für meine aktive Mitfeier.
‑Im Gottesdienst kann ich nicht lachen und nicht weinen.
‑Die Gottesdienstbesucher erscheinen verkrampft und unfroh.

Im Gottesdienst wird zu sehr der Verstand und zu wenig das Gefühl angesprochen (eine Erfahrung vornehmlich der evangelischen Teilnehmer).

Das nachfolgende Gespräch über die „bessere“ Gottesdienstfeier ergab eine Fülle von Anregungen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:

Die Gottesdienstfeier ist keine Ein-Mann‑Show oder eine Vorführung weniger (immer derselben) Akteure, sondern Treffen und Austausch der Gemeinde. Das müssen wir deutlicher werden lassen. Bei der Größe unserer Gemeinde können wir uns sicherlich nicht alle kennen. Aber vergeben wir uns etwas, wenn wir unseren Banknachbarn begrüßen oder mit ihm vor oder nach der Messe einige Worte austauschen? Welche innere Bereitschaft zur Gemeinsamkeit vorhanden ist, wurde zum Beispiel während des Firmgottesdienstes im Oktober deutlich, als sich der Friedensgruß wie eine Welle in der Kirche fortpflanzte, die Menschen aufeinander zugingen und sich die ganze Feierlichkeit in allgemeiner Freude auflöste, so daß die Messe lange nicht fortgesetzt werden konnte. Diese Augenblicke wurden von allen (auch von Bischof Luthe, wie er hinterher bekannte) als außerordentlich bewegend empfunden.

Den Sinn des Gottesdienstes verfehlt man in einer Haltung des bloßen „Konsumierens“. Wer nur wartet, daß ihm eine eindrucksvolle Meßfeier geboten wird, wer nur Zuschauer oder Zuhörer ist oder unbeteiligter Kritiker, der entzieht sich der Gemeinsamkeit. Die notwendige aktive Mitfeier wird aber erschwert, wenn die gottesdienstlichen Formen zu einem Ritual erstarren. Daher: Der vorgegebene Rahmen sollte durch wechselnde Gottesdienstformen ausgefüllt werden. Warum nicht z. B. auch einmal ein Gottesdienst, in dem die Predigt durch ein Glaubensgespräch ersetzt wird?

Mittelpunkt der Feier ist und bleibt das gemeinsame Mahl, In diesem Mahl vollzieht sich unsere Erlösung. Der Charakter des Mahles, d. h. das Essen und Trinken, ist in den hinter uns liegenden Jahrzehnten durch intellektuelle Überhöhung und durch Entleerung des Zeichenhaften fast verloren gegangen. Die einfachen und vitalen Seiten des Gottesdienstes sollten wieder in den Vordergrund treten, Zeichen und Symbole wieder lebendig werden. Dazu gehört, daß die Hostie aus Brot besteht und nicht aus einer Sorte Eßpapier und daß sie in die Hand gelegt wird. Erlösung muß gefühlt und geschmeckt werden können. Auch auf den Kelch kann auf die Dauer nicht ungestraft verzichtet werden.

Die Lebendigkeit des Gottesdienstes hängt wesentlich davon ab, inwieweit wir noch zur Spontaneität fähig sind. Es ist traurig: Unser Verhalten im Gottesdienst scheint allein durch das Bestreben diktiert, um keinen Preis aufzufallen, auf keinen Fall etwas Unkonventionelles zu tun und nichts von sich selber preiszugeben. Wir verschanzen uns hinter einer aufgesetzten Feierlichkeit, tun keine Bewegung und sagen kein Wort außer dem, was rituell vorgeschrieben ist. Sicherlich läßt uns dieser Verlust an Natürlichkeit auf Beobachter so verkrampft und unfroh wirken. Wer tut die ersten Schritte, die uns aus diesem Dilemma heraus führen könnten?

Gottesdienst als Fest: eine ideale Vorstellung. Die Teilnehmer an diesem Ökumenischen Abend hatten die Hoffnung, daß es gelingen wird, etwas an ungezwungener Festlichkeit in den Gottesdienst hineinzutragen.

H. Lucas

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